Sylt - Watt ein Meer
Norddeutsches Flachland, wohin das Auge schaut. Die Wolken hängen schlapp am Horizont, links und rechts neben der Straße durchs Niemandsland nur Wiese mit Kühen darauf, die träge kauend ins Nichts glotzen.
In Niebüll schiebt sich eine PKW-Karawane auf den Zug, der die Touristen über den elf Kilometer langen Hindenburgdamm übers Wattenmeer auf die Insel bringt, die seit der großen Sturmflut von 1362 vom Festland abgetrennt ist.
Friesisch herb peitscht der Wind ins Gesicht und färbt die Wangen krebsrot. Das gekämmte Haar wird zur wilden Mähne und die Jacke bläht sich auf wie ein Heliumballon. Unweigerlich nimmt man einen großen, tiefen Atemzug von dieser herrlich salzigen Seeluft. Sie schmeckt rein und gesund und riecht nach Kindheit, nach sorglosen Sonnentagen am Strand, nach heiler Welt.
Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Für alle, die reif sind für die Insel, bietet Sylt hervorragende Möglichkeiten, die Akkus bei einem Wochenendtrip wieder aufzuladen. Nur 50 Minuten dauert es per Flugzeug von Hannover nach Westerland. Mit dem Auto braucht man mit rund Viereinhalbstunden etwas länger, aber hat man erstmal Hamburg passiert, setzt die Erholung schon am Lenkrad ein: die unendliche Weite verleiht einem das Gefühl, Hauptdarsteller eines amerikanischen Roadmovies zu sein.
Auf Sylt herrscht Reizklima. Es reizt, immer wieder zu kommen. Sonne, Strand, Meer und die einzigartige Natur wirken sich extrem positiv aufs Gemüt aus. Das gute Klima hat der Insel eine große Fangemeinde beschert: Reiche & Schöne, Senioren & Studenten, Familien & Funsportler, Naturfans & Nudisten. Der Strand bei Kampen gilt übrigens als Geburtsstätte der Freikörperkultur. Noch heute gibt es an fast allen öffentlichen Strandabschnitten extra abgetrennte Reviere für Nackte.
Das Strandleben ist, ganz gleich ob mit oder ohne Badehose, ein Genuss und die rund 99 quadratmetergroße Insel hat viel Sandstrand zu bieten: An der Westseite erstreckt sich ein 38 km langer Abschnitt mit mehr als 13.000 Strandkörben und der rauen Brandung der Nordsee. Im Osten der Insel liegt das stille nordfriesische Wattenmeer, das den Launen des Mondes mit seinen Gezeiten ausgesetzt ist. Ebbe und Flut wechseln im immergleichen Rhythmus. Große Teile des Wattenmeeres sind zum Nationalpark erklärt worden. Auf der Ostseite findet man unberührte Natur, grüne Deiche und urwüchsige Dünen, blühende Heide und majestätische Kliffs. Ein Highlight ist das bekannte Rote Kliff bei Kampen: eine 30 Meter hohe Steilküste, die bei Sonnenuntergang einmal mehr an Schönheit gewinnt. Im Listland, ganz im Norden, befinden sich die einzigen Wanderdünen Deutschlands. Angetrieben vom Westwind wandern die Sandberge rund 4 Meter im Jahr gen Osten. Das Gelände selbst steht unter Naturschutz, wie mehr als ein Drittel der Insel.
Sylt ist rau, wildromantisch und nicht immer eitel Sonnenschein. Lange Spaziergänge am Meer bei Gegenwind der Stärke 8 im Nieselregen mögen einige für unzumutbaren Urlaub halten, wir Syltfans wissen: es fühlt sich göttlich an. Eine gute Route ist die zwischen Kampen und Keitum, immer am Meer entlang. Eins sein mit der Natur. Keitum ist mit seinem verwinkelten Ortskern, seinen eleganten Boutiquen, gemütlichen Teestuben und den traditionellen Reetdachhäusern aus dem 18. Jahrhundert, eines der schönsten Dörfer Nordfrieslands.
Seeluft macht hungrig, die Restaurantdichte auf Sylt ist entsprechend hoch. In Westerland kommt an jeder Ecke frischer Fisch auf den Tisch, die Preise sind dem Touristenrummel angepasst. Das Restaurant Sansibar, Promitreff südlich von Rantum, bietet erlesene Küche mit Blick aufs Meer zu Promipreisen. Den besten Kuchen der Welt gibt es in der Kupferkanne in Kampen. Mein Tipp: Krabben pulen am Lister Hafen, dort steht die nördlichste Fischbude Deutschlands. Am Hafenbecken weht eine besonders steife Brise, die einem fast das Meeresgetier vom Brötchen fegt. Das schrille Kreischen der nach Krümeln gierenden Möwen mischt sich mit Volksmusik aus einem der Bootshäuser. Schunkelnde Touristen, die eine Tote Tante (Schokolade mit Rum) über den Durst getrunken haben, schwanken lauthals über den Asphalt, aber das alles kann auf Sylt einen echten Seemann nicht erschüttern.

