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Musenküsse im Auenwald
Früh am Morgen wirken die Gassen und Gässchen in Leipzig noch recht leer und verschlafen. In Leipzig wohnt schließlich auch der künstlerische Nachwuchs Deutschlands und Künstler sind ja bekanntlich keine Frühaufsteher. Erst gegen frühen Vormittag küsst die Muse die Studenten, Lyriker, Maler und Musiker. Dann beginnt ein reges Treiben vor allem in den vielen kleinen Cafés, wo die Selbstverwirklicher mit dicken Büchern, einem Stapel Tageszeitungen und einem Milchcafé in den Tag stolpern. Die Stadt passt sich dem Biorhythmus an: überall ist ein Langschläferfrühstück zu haben, abends locken viele Kneipen mit günstigen Leckereien die Leipziger aus den Lehrstuben zurück ins Leben, später bietet das Nightlife allerlei Komponenten, von illegalen Clubs, Kunst- und Literaturhäusern, rustikalen Kellern bis hin zu schicken Kneipen und Restaurants. Eines der bekanntesten ist das MegaPon: Waschsalon, Literaturcafé und Restaurant in einem; viele kennen es aus dem Leipziger Tatort.
Leipzig ist Stadt der schönen Künste
Leipzig war immer schon Kunst-, Musik- und Literaturstadt: 1723 kam der Komponist Johann Sebastian Bach nach Leipzig. Der Kantor ist bis heute in einem Fenster der Thomaskirche verewigt. Im Konzerthaus am Augustusplatz war Felix Mendelssohn Bartholdy einst Kapellmeister. Bei Theodor Fontane hinterließ Leipzig einen bleibenden Eindruck, Novalis studierte in Leipzig. Friedrich Schiller kam auf Einladung von Freunden, war begeistert und bezog ein Jahr lang ein Sommerhaus im Stadtteil Gohlis, wo er am 2. Akt von „Don Carlos“ arbeitete. Und Johann Wolfgang von Goethe kam als 16-Jähriger nach Leipzig, um es später als „klein Paris des Ostens“ zu rühmen. Besonders beeindruckte ihn Auerbachs Keller und so machte er die Schankstube im Kellergewölbe zum Schauplatz in seinem „Faust“. Heute löffeln Touristen ebenso wie Leipziger Urgesteine dort sächsische Zwiebelsuppe und bürgerliche Köstlichkeiten. Begehbare Weltliteratur auf Schritt und Tritt.
Leipzig ist begehbare Weltliteratur
Und auch heute noch ist Leipzig vor allem eines: Die Stadt der schönen Künste. Es verfügt über eine Oper von Weltruf, eines der modernsten Messengelände Europas – ein architektonisches Highlight, großzügig und von Licht durchflutet, sowie Hochschulen für Grafik, Buchkunst, Musik und Schauspiel. Im „Grafischen Viertel“ sitzen Dependancen namhafter Verlage und die Buchmesse meldet von Jahr zu Jahr Besucherrekorde. Eine Gründerzeitvilla im Musik-Viertel beherbergt das Deutsche Literaturinstitut, das z.B. die bekannte Autorin Juli Zeh hervorbrachte. Und nebenbei macht gerade eine neue Leipziger Künstlerbewegung rund um Neo Rauch Furore. Wo also liegt der Charme dieser Stadt, dem so viele Dichter und Denker, Musiker und Maler verfallen?
Sicher ist es die Stille der Natur, die Kreativen schöpferische Kraft verleiht. Zwischen Elster und Pleiße gibt es unendlich viele grüne Flächen. Im Clara Zetkin-Park, benannt nach der Begründerin der sozialistischen Frauenbewegung, lümmeln sich im Sommer Studenten auf den Wiesen und genießen die Ruhe am See. Der Auenwald liegt direkt vor den Toren der Stadt und Plagwitz, ein ehemaliges Arbeiterviertel, erinnert mit seinen Kanälen und Brücken an Venedig.
Atmosphäre bringt für die Studenten der ansässigen Hochschulen auch die Aufbruchstimmung mit sich, die selbst 18 Jahre nach der Wende noch zu spüren ist: die Leipziger Montagsdemos - Keimzelle der friedlichen Revolution - setzten entscheidende Impulse für die deutsche Wiedervereinigung. Bis heute wird der Montag von Friedensgebeten in der Nikolaikirche bestimmt und vor dem Portal der Kirche lädt das berühmte Schild: „offen für alle“ ein.
Den Charme der Stadt macht auch seine spannende Vergangenheit aus, von der etliche Museen und Mahnmale zeugen. Das Museum in der „Runden Ecke“ z.B. zeigt und ist Wendegeschichte. In der Nacht zum 5. Dezember 1989 besetzten Bürger nach einer Montagsdemo das alte Stasigebäude. Die nüchternen Amtsstuben sind fast 1:1 erhalten. Ausgeklügelte Überwachungstechniken, die bei James Bond nicht phantasievoller hätten ausfallen können, aufgereiht in tristem Ambiente mit Linoleum, Neonlicht und einem Schreibtisch aus Spanholz. Dazu der Nachbau einer Zelle für politische Gefangene.
Über der Stadt thront auf einer 91 Meter hohen Aussichtsplattform das monumentale Völkerschlachtdenkmal, das an die europäischen Verbündeten in der Völkerschlacht erinnert, bei der Napoleon in die Flucht geschlagen wurde. Es übt einen ganz besonderen Reiz aus - als Mahnmal, als Gedenktafel, als Rückzugs- und Besinnungspunkt.
Leipzig atmet Geschichte
Anregungen finden sich nicht zuletzt durch die Architektur: barocke Brunnen, Gründerzeitvillen, Passagen wie z.B. die edle Mädlerpassage, deren Vorbild die Mailänder Galleria Vittorio Emanuele war. Oder das Kaffeehaus Riquet, ein klassisches, altes Jugendstilhaus, orientalisch anmutend, mit Elefantenköpfen und vielen Verzierungen. Und natürlich die vielen kleinen Gässchen, allen voran die Kneipenmeile Barfußgässchen – schon der Name ist Poesie.
Wem das noch nicht reicht, der kann Inspiration bei einem sinnlichen Ausflug in eines der Museen suchen: Museum der bildenden Künste, Galerie für zeitgenössische Kunst, Bachmuseum, Museum für Druckkunst, Buch- und Schriftmuseum, Musikinstrumente-Museum, Kamera- und Fotomuseum oder Schillerhaus. Leipzig ist in jedem Winkel sinnlich erfahrbar.
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