Reisereporter philou
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Die Ankunft
…Nachdem er einen Blick auf das Stückchen Papier geworfen hatte, war ihm klar, es musste etwas geschehen. Genauso klar war ihm jedoch auch, dass er vorsichtig sein musste. Hier, allein in der Fremde, in der er sich nach kaum einem Tag Aufenthalt vor die Wahl gestellt fand, ob nun die Angst vor dem Sultan und den Palastwachen oder die Neugier auf die geheimnisvolle Hilfesuchende größer war. Tatsache war: eine Frau war in Gefahr. Tatsache war auch: er musste helfen, auch wenn er noch so sehr darum fürchten mußte, seinen Kopf nicht nur sprichwörtlich zu verlieren.
Ein kleiner ungenutzer Speisesaal, der sich in einem Nebengebäude des Palastes hinter der Palastküche befand und nur über einen schmalen, unbewachten Gang zu erreichen war, sollte der Treffpunkt sein, an dem er die geheimnisvolle Schönheit endlich sehen und mehr erfahren sollte. Vorsichtig tastete er sich im Halbschatten an der kühlen Wand entlang, um unbemerkt in den kleinen Saal zu gelangen. Er sah, dass die große schwere Türe einen kleine Spalt geöffnet war und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Fast erschrak er zu Tode, als ihn eine kleinere Hand sanft, aber bestimmt berührte und er in den Raum gezogen wurde. Die ihm bekannte wunderbare Frauenstimme sprach wiederum auf französisch zu ihm: er solle leise und vorsichtig sein, sollten sie zusammen entdeckt werden, könne er sich die Grausamkeit der sie beide erwartenden Strafe nicht ausmalen. Er versuchte zu schlucken und nickte sinnloserweise in das Dunkel, sein Hals war zu trocken um ein Wort zu Sprechen. Die kleine Hand zog ihn immer weiter hinein in den finsteren Saal, bis sie ihn nach einigen Schritten loslies und scheinbar verschwunden war. Zu Felix’ Entsetzen wurden just in dem Moment in drei Himmelsrichtungen die Vorhänge geöffnet, das Licht der Dämmerung erfaßte augenblicklich den Raum und - Felix fand sich umzingelt von Palastwachen wieder, die unbekannte Schöne bereits ergriffen hatten und Anstalten machten, auch ihn zu packen und dabei fragend in Richtung ihres Gebieters blickten, der langsam und mit finsterer Miene auf Felix zukam.
Der Sultan begann mit finsterem Blick zu sprechen, aber in dem Moment als er zum ersten Satz anhob, brach er unvermittelt in schallendes Gelächter aus, in welches nach kurzer Pause der ganze Hofstaat einstimmte. Er legte die eine Hand auf die Schulter des zitternden Häuflein Elends, das einmal der junge Arzt Felix gewesen war und sagte: "Ihr aus dem Westen glaubt doch tatsächlich immer noch, wir Osmanen wären ungehobelte und grausame Barbaren…" er schmunzelte, hielt inne und fuhr mit etwas ernsterer Miene fort "…wir im Palast befinden uns in der Tat in einer prekären Situation und wir sind sehr dankbar für Ihre Hilfe, mein junger Freund. Und ich wäre nicht der Padischah, wenn ich nicht wüßte, was Gastfreundschaft bedeutet." Mit diesen Worten übergab er dem verdutzen Arzt eine aus schönstem und geschmeidigstem Leder gefertigte Instrumententasche und nickte zufrieden. Felix kam langsam zur Besinnung, aber starrte noch einige Sekunden ungläubig in die ihn umgebenden freundlichen Gesichter. Stotternd wandte er sich mehr an sich selbst als an die Anwesenden und fragte: "Aber die Botschaft, die kranke Frau? Was ist mit ihr?… Warum…?" "Das alles war nur ein Vorwand, um Ihnen diese kleine Lektion zu erteilen. Mein Botschafter - und übrigens bester Freund und Vertrauter - berichtete nach Ihrer Ankunft, Sie wärensehr wohl ein ehrenhafter und gerechter Mann - aber leider auch mit viel zu vielen Vorurteilen dem Orient gegenüber beladen - sowohl was die Machtausübung meinesgleichen, als auch diejenige unsere Frauen betrifft - welcher…" so fügte er mit einem schelmischen Lächeln hinzu "…sich auszusetzen in der Tat einigen Mut erfordert." "…und was aber ist mit der Pistole, die griffbereit neben Eurem Thron lag?" "Mein junger deutscher Freund, auch ich muss mit der Zeit gehen in Modedingen. Die Pistole, oder nennen wir sie lieber Feuerzeug, ist ein Geschenk meines Neffen Hasan - er studiert in Paris und hat es mir von dort aus zukommen lassen. Ein guter Junge, der weiß, was seinem Onkel Freude bereitet. Seine Schwester übrigens…" ,und mit diesen Worten winkte er die junge geheimnisvolle Schönheit zu sich, "…meine Nichte Hülya, hat ebenfalls in Paris studiert und hat mir gerne bei meinem kleinen Streich geholfen, nicht wahr Hülya?" Das Mädchen sah verlegen zu Boden als es zu den beiden Männer hinüberging und nahm die Hand ihres Onkels, der sie jedoch ohne zu zögern mit den Worten "..nicht so schüchtern, kleine Prinzessin…" in die Hand des nicht wenig erstaunten Felix legte.
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