Reisereporter U.M.
|
|
| Über mich: | - |
| Meine liebsten Urlaubsziele: | - |
| Mein Reisetyp: | - |
| Mein Beruf: | - |
| Mein TUIfly.com Abflughafen 1: | - |
| Mein TUIfly.com Abflughafen 2: | - |
| Ich fliege im Jahr: | - |
| Beim Reisen ist mir wichtig: | - |
| Meine Freizeit verbringe Ich gerne mit: | - |
Unruhen am Bosporus
Felix ließ den Zettel unbemerkt in seinen Kleidern verschwinden, während ihn ein Blick des Eunuchen durchbohrte wie ein fliegendes Messer. Er spürte, wie er anfing zu schwitzen. Dieser Blick verhieß nichts Gutes. In einer Hinsicht war er unantastbar, er stand unter dem Schutz des Herrschers, in dessen Dienst er handelte. Es war aber unmissvertändlich klar, dass er hier ein Eindringling und nicht willkommen war. Zwar war er nicht direkt beunruhigt, einen Moment lang besann er sich dennoch auf die Waffe, die er tags zuvor auf dem Tisch seines Gastgebers hatte liegen sehen. Vorsicht war das Gebot der Stunde. Er fragte sich, wohin die Angst eines Menschen ihn treiben konnte und welches Ausmaß Skepsis und Abscheu annehmen mochten, wenn die Maske von Höflichkeit und Anstand verrutschte. Es wäre gut, sich nicht allzusehr auf den Schutz des Sultans zu verlassen, denn was wußte er letztendlich schon von seiner Gnade und von diesem Land? Was wußte er als Europäer schon von den Regeln des Anstands - von den offiziellen und inoffiziellen - am osmanischen Hof. "Nichts für ungut", sprach er sich selbst zu. Da war noch Baron von Wangenheim, der als Fremder die Sitten dieses Landes kennen mußte. Europäer gab es hier keine. Auf den Straßen ein Gemisch von halbechten Handelssprachen, die er nicht verstand. Man hatte ihn gewarnt, nicht leichtgläubig zu sein. Ihm fiel ein gutgemeinter Rat seiner Bekanntschaften von den Mittwochabenden in Berlin ein: "Bewahren Sie den guten Geist, mein Freund, die Ferne birgt Faszination und Tücke in gleichem Maße".
Obwohl er die Impfung der Frauen fortsetzte, mechanisch und routiniert, waren seine Gedanken bei den Augen dieser einen Frau, bei ihrem Blick. Ihre Verwirrung hatte ihn tief berührt und er wollte ihr helfen. Sie schien nicht von hier zu sein. Es war unwahrscheinlich, dass sie osmanischer Abstammung war. Er hatte ihre Züge unter dem Schleier nur erahnen können, doch allein ihre Augenfarbe und -form wich zu sehr von den Mandelaugen der anderen Frauen ab. Sie mußte eine Fremde sein.
Er brauchte eine weitere Stunde, um die restlichen Impfungen zu geben, dann packte er alles in seinen Koffer und ließ sich zu seinen Zimmern führen. Es war ihm bewußt, dass ihm der Blick des Obereunuchen folgte. Erst nachdem er die Türe mit einem Schlüssel verschlossen wußte und sich vergewissert hatte, dass niemand ihn durch das Fenster sehen konnte, zog er das Blatt Papier aus seiner Tasche, das ihre eilige Hand ihm zugeschoben hatte. Darauf stand in vorsichtiger Schrift ein Name und eine Adresse. Morgen, dachte er bei sich. Morgen war er bei von Wangenheim zu Tisch geladen. Das wäre ein guter Moment, mehr zu erfahren. Etwa über seinen Gastgeber und dessen Gepflogenheiten. Und über die Frauen im Harem vielleicht… Er würde erwähnen, er müsse einen "Hausbesuch" machen. Ihm würde sicher etwas einfallen. Und von Wangenheim würde ihm sicher helfen können. Ob er ihm vertrauen konnte, wußte er noch nicht, aber auch das würde sich zeigen.
Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Überlegungen. Jemand lief schnellen Schrittes durch die Palastgänge, man hörte einen Aufprall, einpaar laute Stimmen wie bei Diskussionen, dann wurde es still. Einen Moment lang lauschte er, ob sich noch etwas regen würde, dann löschte Felix die Öllampe neben seinem Bett und wurde von einem unruhigen Dämmer ergriffen, der in einen tiefen Schlaf überging.
"Möbius, Sie sind ein Träumer! Aber, bei Gott, ich habe noch niemanden erlebt, der tatsächlich nach einigen Stunden Bekanntschaft mit dem Sultan legal in seinen Harem eingelassen worden wäre…" Dem Botschafter war nach einem guten Essen und einem Digestif nach vertrautem Scherzen zumute. "Auch wenn Sie eine gute Ausrede vorzubringen hatten…" Das Mißtrauen, welches im Palast vorherrschte, schien sich noch nicht in das Idyll der botschaftlichen Residenz geschlichen zu haben. Von Wangenheim schien es sichtlich zu genießen, einen "ungebildeten" Europäer vor sich zu haben, mochte dieser auch ein Akademiker aus höchsten Kreisen sein, mit dem er zwar auf gleichem Niveau, aber doch in unanfechtbarer Autorität seiner Kenntnisse einen gepflegten Austausch halten konnte.
"Ihre Majestät scheint befangen zu sein?" entglitt es Felix mitten in einem unaufgeregten Gespräch über die Architektur der Paläste. Der Botschafter sah ihm mitten ins Gesicht. "Dies ist nicht Europa, Dr. Möbus. Ein Herrscher hat nirgends nur Freunde, egal über welches Land und welche Umstände er gebietet. Die Makedonier machen uns hier zu schaffen. Und das sind nicht die einzigen. In Konstantinopel mausern sich die kleinen Leute. Sie haben das einzigartige Glück, uns in bewegten Zeiten zu beehren. Sie sehen, die Tuberkulose ist nicht die einzige Seuche, die hier grassiert…aber ich hoffe sehr, die einzige, mit der Sie in Berührung kommen werden" "In Berlin - antwortete Felix - haben wir eine Regelung, an die wir uns bei Diskussionen halten: keine Tagespolitik. Darüber ließe sich niemals streiten - nur endlos debattieren." "Hört, hört" parierte von Wangenheim und hob das Glas wie zum Tost. "Eines noch, ergänzte Felix, ich habe versprochen, einen Hausbesuch zu machen. Man gab mir eine Adresse und einen Namen. Ich werde erwartet. Könnt ihr mir einen diskreten Diener zur Hand geben, der mich sicher an die richtige Stelle bringen kann?" "Wie immer ich Euch behilflich sein darf, Doktor. Rettet nur Leben wie Ihr es vermögt. Und bleibt bei Euren Arzneien."
Es war bei frühem Tagesanbruch, als sich die Nebel der schlafenden Stadt noch nicht verflüchtigt hatten, da sich Felix in Begleitung eines Dieners vor einer niedrigen, grauen Türe wiederfand, die in ein noch niedrigeres Haus Einlass gewährte. Eine alte, gebückte Frau öffnete. Sie musterte beide Männer kurz, doch als ihre Augen den Arztkoffer in seiner Hand fanden, nickte sie bestätigend und ließ sie ein. Mit einem kleinen Öllämpchen stieg sie eine enge Treppe hinauf und machte Felix ihr folgen. Sie betraten ein Zimmer. Auch hier war es dunkel. Es roch nach Ruß und einem Gewürz, das Felix nicht kannte. In der Mitte des Raumes war ein Bett aufgestellt, darin schlief eine Frau. Ihre weißen Hände lagen unbeweglich auf der dunklen Decke wie gekreuzte Lilien. Er trat näher und setzte sich auf das Bett. Kaum traute er sich, sie anzufassen, so zerbrechlich sah sie aus. Entgegen der Gewohnheiten dieses Landes war sie nicht verschleiert, und die Alte ließ ihn gewähren, ohne ein Wort zu verlieren oder einzuschreiten. Er fühlte die Stirn, fühlte den Puls, betrachtete ihre Haut und ihre Augen. Offensichtlich hatte sie viel Blut verloren. In jedem Fall war sie sehr schwach. In seinen Ohren klang die Melodie der lieblichen Stimme jener jungen Frau nach, die ihn hierher geschickt hatte und er hörte ihr Bitten in seinen Ohren nachhallen: "Leben und Tod" Vielleicht wahr es für diese Wahl schon zu spät. Er bemühte sich, vorsichtig ihren Körper abzutasten und fand recht schnell heraus, worum es sich handeln mußte. Bedauerlicherweise konnte er sie nicht fragen, sie war kaum bei Bewußtsein und die Alte würde ihn nicht verstehen. Alles deutete jedoch auf eine Fehlgeburt hin. Die Chancen standen schlecht, daß sie sie überleben würde. Ihr Fieber war hoch. Und in diesem Zustand war sie noch anfälliger für weitere Krankheiten. Das wenige, was er tun konnte, tat er. Er gab der Alten einige Mittel und erklärte, so gut er konnte, wie sie damit umzugehen hatte. Sie schien zu begreifen, weinte und murmelte ihm irgendetwas entgegen, das er nicht verstand. Dann packte er seine Tasche und verließ das Haus.
"Danke" hauchte eine silberne Stimme, die er zum ersten Mal hörte, als er einige Tage später wieder in dem abgedunkelten Zimmer saß. Es war wie ein Wunder, daß die junge Frau sich erholt hatte. Das wußte er, selbst als Arzt. Nun saß die Frau im Schleier in ihrem Bett und sprach einige Worte in einem schwer verständlichen Französisch. "Ich bin so dankbar, daß Lavine Ihnen Nachricht geben konnte, Doktor". Lavine, dachte er bei sich, welch ein wunderschöner Name für eine Frau, deren Augen ihn verfolgt hatten vom ersten Moment an, in dem er ihnen begegnet war. "Sie ist Europäerin?" "Ihre Mutter war Französin. Sie wurde entführt und verkauft als Sklavin. Ein Kaufmann hat sie bei sich behalten bis zu ihrem Tod. Lavine hatte Glück. Sie hat französisch gelernt als Kind und durfte ihren Vater auf Reisen begleiten. Als er krank wurde geriet sie in Mißstand und schließlich fand sie ein Abgesandter des Sultans und brachte sie in den Harem." Das hörte sich an wie eine erfundene Piratennovelle. Unwahrscheinlich und fremd. Zumindest aber kannte er nun die Geschichte der Frau, die ihn so faszinierte. "Wie kommt es, dass sie sich im Harem aufhält, während ihr hier in diesem Haus seid?" Nun begann sie zu weinen. Er konnte ihr Französisch kaum verstehen, es verlor sich zwischen ihrem Schluchtzen.
In dem Moment als sie sich beruhigt hatte, hatte er ein ganz anderes Bild der Dinge bekommen. Hatte er noch einige Tage zuvor scherzhaft dem deutschen Botschafter versichert, die Geschehnisse in diesem Land wären eindeutig etwas, von dem er sich nicht einfangen lassen wollte, so mußte er nun erfahren, dass sich ein Widerstand gegen den Sultan regte, der bis in die Herzen der Menschen vordrang. Und bis in den Harem der ewigen Majestät. Sie hatte sich in den falschen Mann verliebt, in einen Aufrührer, der in die majestätischen Gemächer eingedrungen war, und sich mit ihm getroffen. Die Frucht dieser Treffen hätte sie aber ihr Leben gekostet, hätte sie sie nicht beseitigt - und auf jeden Fall auch das ihres Geliebten. "Er ist kein Mensch!" entkam er der jungen Frau als sie von Sultan Abdühlamid sprach. Wut brach aus ihr heraus:"Es ist kein Wunder, dass er sich fürchtet! Es muss ein gutes Leben für alle geben…" Erstaunt über so viel demokratisches Gedankengut aus dem Munde einer osmanischen Frau mußte Felix lächeln. "Und Lavine?" "Allah schütze sie. Hat sie denn nicht auch ein Recht zu leben? Sie haben ihn getötet vor ihren Augen!" Wen? wollte Felix fragen. Doch da begann wieder das Schluchtzen und er ließ davon ab.
"Wir sind dankbar für Euere Unterstützung und versichern Euch unserer Dankbarkeit", bekräftigte der Sultan an einem warmen Nachmittag in den königlichen Gärten, wo Süßigkeiten, Tee und und frische Säfte gereicht wurden. Es war ein herrlicher Abend, an dem die Pfauen über die Wiesen spazierten und der Muezzin seinen Ruf gerade beendet hatte. Die Sonne siebte ihr gähnendes Licht durch die Büsche und Äste, und der Sultan sprach von seinen Hoffnungen, die Tuberkulose möge nun besiegt sein und ließ den Arzt bericht erstatten und theoretisieren. Es hatte in den letzten 4 Wochen lediglich zwei Tote gegeben, und diese waren bereits krank gewesen bevor der Arzt eingetroffen war. Es gab keinen Grund zur Besorgnis. Dennoch kehrten seine Gedanken regelmäßig zurück zu den europäischen Augen der Frau, die im Harem sitzen und warten mußte. Worauf? Darauf, daß etwas geschehen würde. Der Sultan trug inzwischen seine Waffe am Gürtel, ohne sie abzulegen. Hinter ihm standen zu jeder Zeit zwei muskulöse Mohren und die Palastwache war verdoppelt worden. Wovor fürchtete er sich?
"Wach auf!" flüsterte Lavines Stimme leise mitten in der Nacht. Felix dachte, es wäre ein Traum, aber es war wirklich ihre Stimme, die er hörte, und er war wach, hellwach. Sie sprach zu ihm durch das breite Gitterfenster: "Komm nach draußen, ich muß mit Dir reden…!" Felix konnte nicht denken, so schnell hatte er sich angezogen und jeder Gedanke an eine Falle oder daran, wie es möglich war, dass es jemand anderes sein könnte, war zu langsam. Er schlich durch den Gang, den Mondlicht erhellte. Es war Neumond, und zum Glück nicht allzu hell, denn sonst hätte man ihn entdecken können. Sie war verschleiert, aber er sah ihre Augen auch noch im Dunkeln. Es war tatsächlich Lavine. Sein Herz pochte. "Lavine?" flüsterte er. "Hierher, schnell. Still" hörte er sie sagen und es legte sich eine Hand auf seine Brust und zog ihn in ein Gebüsch vor einer kleinen Mauer. Nun war wirklich alles schwarz, und er konnte gar nichts mehr erkennen. Er spürte, dass sie ihm wieder einen Zettel zusteckte und ihm zuflüsterte: "Danke, du hast ihr Leben gerettet. Ich werde das nicht vergessen. Versprich, dass Du diesen Ort verläßt, so schnell Du kannst. Geh morgen oder übermorgen. Verlasse aber um jeden Preis den Palast!" Sie küßte ihn vorsichtig und er konnte nicht mehr atmen vor lauter Überraschung. "Ich werde einen Weg finden, Dich mitzunehmen. Du gehörst nicht hierher!" Er griff nach ihrer Taille und zog sie näher für einen kurzen Moment. Sie hauchte ein eindeutiges: "Nein. Geh! Das ist kein Spiel!" Dann hatte sie sich gelöst und das einzige, was die Nacht wärmte, war ein wohliger Luftzug, der an ihm vorbeizog. Er schlich zurück ins Zimmer, legte sich ins Bett und wollte wieder einschlafen, aber konnte es nicht bis zum frühen Morgen. "Geh!" hatte sie gesagt. Und sie hatte ihn geküßt - eine osmanische, europäische Frau. Er glaubte es nicht. Er konnte sie nicht alleine lassen. Aber sie hatte Recht. Man mußte kein Politiker und Intrigant sein um vorauszusehen, daß es hier bald starke Unruhen geben würde. Was seine Sicherheit anging, hatte sie Recht. Jetzt war der Weg noch frei. Aber was in einigen Tagen sein würde, oder vielleicht in einigen Wochen, das wußte keiner…
Kommentar schreiben
Sie müssen sich anmelden um einen Kommentar zu schreiben.




