TUIfly Blog

Reisereporter Simenti

Über mich: -
Meine liebsten Urlaubsziele: -
Mein Reisetyp: -
Mein Beruf: -
Mein TUIfly.com Abflughafen 1: -
Mein TUIfly.com Abflughafen 2: -
Ich fliege im Jahr: -
Beim Reisen ist mir wichtig: -
Meine Freizeit verbringe Ich gerne mit: -

Der Wissenschaftstrick

Der Wissenschaftstrick

Als Felix Möbius in dem Wagen saß, den man ihm für die Rückfahrt ins Hotel gerufen hatte, kramte er den Zettel aus seiner Hosentasche. Seine Finger bebten vor Erregung, als er das mürbe Blatt auseinander faltete. Er las in französischer Sprache: „Bitte helfen Sie uns. Meine Freundin ist krank an der Seele. Sie wurde vor zwei Monaten gewaltsam in den Harem des Sultans gebracht und hat ihre Jugendliebe in einem kleinen Dorf in Anatolien zurück lassen müssen. Ich fürchte, sie stirbt an gebrochenem Herzen, wenn man sie hier dauerhaft gefangen hält.“
Der Arzt zerknüllte den Zettel gedankenvoll und stopfte ihn zurück in seine Hosentasche. Die Dame war gut. Was konnte er denn tun? Die Sitten und Gebräuche in diesem reizvollen, aber fremden Land waren ihm wenig vertraut. Die Autorität des Sultans war unbestreitbar. Warum sollte er auf ihn, Felix Möbius, einen Vertreter einer fremden, von ihren wissenschaftlichen Errungenschaften abgesehen wenig geschätzten Kultur hören? Der samtene Klang der Stimme der französisch sprechenden Haremsdame stahl sich ihm noch einmal ins Ohr und jagte ihm einen Schauer über den verschwitzten Rücken. Diese Stimme und diese Augen, deren Gründe so tief waren, dass man sich darin verlieren wollte…… Felix Möbius beschloss ein Bad zu nehmen und bei einem anschließenden Glas Whiskey die Sache noch einmal zu überdenken. Als er frisch gebadet, in einen paisley-gemusterten Seidenbademantel gehüllt, auf dem Hotelbalkon saß und den Blick auf die Blaue Moschee genoss, über die sich allmählich das Dämmerlicht ergoss, erschien ihm das Leben überaus lebenswert. Lediglich die Erinnerung an die drängende Stimme der Haremsdame wollte seine gute Laune mindern. Seine Gedanken schweiften in die Heimat, zu den regennassen, laubbedeckten Straßen, die er in München zurück gelassen hatte und zu seinem medizinischen Forschungsprojekt, das ihn nunmehr schon seit einigen Jahren leidenschaftlich in den Klauen hielt. Sein Forschungsprojekt……….

Am nächsten Morgen, er hatte sein Frühstück noch nicht beendet, schickte er einen Hotelboten mit einer Nachricht in den Sultanspalast. Er bat darin um eine erneute Audienz bei Sultan Abdülhamid in einer dringenden Mission. Zu seinem Erstaunen kam der Bote wenig später mit einer Einladung zum nachmittäglichen Tee mit dem Sultan zurück. Felix Möbius nutzte die Zeit bis dahin, um durch die sonnendurchfluteten Gässchen der Altstadt zu flanieren, sich am konkurrierenden Kreischen der Melonenverkäufer zu ergötzen und seinen Plan zu vervollkommnen.
Der Sultan sah ihm mit neugierigen Augen entgegen, als er in das herrschaftliche Teezimmer vorgelassen wurde. Auch diesmal trug er seine Uniform, die seltsam kontrastierte mit der opulenten Ausstattung des Raumes, der unter einer Flut weicher Teppiche förmlich versank. Möbius ließ sich auf eines der üppigen Kissen sinken und beobachtete den Höfling bei der aufwendigen Zubereitung des Tees. Als sich der junge Mann unter vielen kleinen Vorbeugungen rückwärts entfernte, nahm er einen Schluck des köstlich duftenden Gebräus und ergriff das Wort. „Als ich gestern die Ehre hatte, eure Haremsdamen einer Impfung zu unterziehen, die ihnen Leid und Elend ersparen wird, machte ich eine interessante Entdeckung.“ Der Sultan ließ ihn nicht aus den Augen, verzog jedoch keine Mine. Möbius fuhr fort. „Keine der Damen gab einen Schmerzenslaut von sich, was angesichts der Dicke der Injektionsnadel und der mangelnden Erfahrung mit Impfungen überaus überraschend ist.“ Der Sultan nippte an seinem Tee und zog eine Augenbraue hoch. „Lautstarke Ausdrücke von Emotionen oder Schmerzempfinden sind im Harem nicht üblich“, erklärte er dem deutschen Arzt. „Das dachte ich mir fast“, entgegnete Möbius. „Dennoch interessiert mich dieses Phänomen. Wie sie wissen, bin ich Experte auf dem Gebiet der aktiven Immunisierung. Die Entdeckung des Tuberkulose-Bakteriums 1881 war in Deutschland Bahn brechend und eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten der Krankheitsprävention. Allerdings stoßen wir immer wieder auf das Problem der mangelnden Impfbereitschaft. Viele Menschen fürchten sich vor der Injektion und überschätzen den minimalen Schmerz, den diese bereitet.“ Abdülhamid tupfte sich die Lippen ab. „Warum erzählen sie mir das?“ wollte er wissen. Felix Möbius sah ihm gerade ins Gesicht. „Möglicherweise verfügen ihre Haremsdamen über Techniken der Schmerzbewältigung, die für uns von großem Nutzen sein könnten.“ Der Sultan wirkte irritiert. „Mir ist nichts dergleichen bekannt“, wehrte er ab. „Erlauben sie mir“, bat Felix, „ein paar einfache Tests mit einigen Frauen durchzuführen. Ich verspreche Ihnen, dass sie verhüllt bleiben dürfen und das nichts passieren wird, was nicht im Sinne eurer Herrschaft wäre. Aber es wäre ein unschätzbarer Gewinn für die medizinische Wissenschaft.“
Der Sultan wiegte unentschieden den Kopf hin und her. „Wo soll dieses Experiment stattfinden?“ Felix Möbius setzte eine Mine des Bedauerns auf. „Es tut mir furchtbar Leid, aber es muss in meinem Hotelzimmer geschehen. Das Instrumentarium, das ich benötige, ist sehr empfindlich und sollte so wenig wie möglich Erschütterungen durch Transport ausgesetzt werden.“ Der Sultan legte die Stirn in Falten. „Aber die Haremsdamen verlassen den Palast nie mehr wieder, wenn sie einmal hier sind“, entgegnete er unwillig. Möbius warf sich auf die Knie und nahm die Hand des Sultans zwischen seine kräftigen deutschen Finger. „Sie würden der Wissenschaft einen unschätzbaren Dienst erweisen“, bat er flehentlich. Der Sultan entzog ihm seine Hand und winkte dem Höfling, der hinter einem Paravent gewartet hatte. „Er soll sich zwei Haremsdamen aussuchen und man begleite sie ins Hotel.“

Im Harem unterrichtete der beleibte Eunuch die Haremsdamen von dem Vorhaben des deutschen Arztes und forderte sie auf, sich in einer Reihe aufzustellen. Die Frauen gehorchten stumm und reihten sich auf wie die Spatzen auf der Telefonleitung. Der Eunuch wies Felix an, seine Wahl zu treffen. Möbius ließ die Augen über die Reihe schweifen, bis er an einer sehr aufrecht stehenden Dame hängen blieb, die ihren linken Fuß keck vorgeschoben hatte. Er versuchte, ihren Blick zu erhaschen und richtig, da waren sie wieder, die grauen Augen mit den unergründlichen Tiefen. Er trat auf sie zu und deutete mit dem Kopf zu ihr. „Diese scheint mir geeignet“, teilte er dem Eunuchen mit. Die Frau trat einen Schritt vor, so dass sie auf seiner Höhe stand und raunte ihm auf Französisch zu: „Die Letzte in der Reihe.“ Möbius schritt die lange Reihe einmal auf und ab. Die Frauen neigten die Köpfe, sobald er ihrem Blick begegnen wollte. Am Ende der Reihe stand eine Frau, die von besonders zartem Körperbau war. Sie schien auf ihren zarten Knochen leicht hin- und her zu schwanken. „Und diese“, sagte er entschlossen und erhaschte einen ungläubigen Blick aus bemerkenswert blauen Augen. Die beiden Frauen und er wurden von dem Eunuchen ins Freie begleitet, wo sich ein nicht enden wollender Redeschwall über sie ergoss. Felix verstand kein Wort, aber der Tonfall ließ ihn vermuten, dass der Eunuch den beiden Frauen jede Menge Verhaltensregeln und Drohungen mit auf den Weg gab. Vor dem Palast wartete ein feudaler Wagen auf sie. Die Frauen nahmen auf der hinteren Sitzbank Platz. Felix setzte sich ihnen gegenüber. Der sie begleitende Höfling stieg neben dem Fahrer ein. Eine merkwürdige Beklemmung befiel Felix. Der erste Streich war gelungen. Die beiden Frauen waren aus dem Bannkreis des Harems befreit. Aber wie sollte es weiter gehen? Wie wollte er die junge Frau zurück in ihr Dorf befördern und was, wenn der Sultan erfuhr, dass er ihn getäuscht hatte. Würde das die diplomatischen Beziehungen nicht nachhaltig belasten? Ein deutscher Arzt brachte Sultan  Abdülhamid um ein Juwel aus seinem Harem. Felix brach der Schweiß aus. Er tupfte sich mit einem Taschentuch den Nacken ab. Die Französisch sprechende Dame sah ihn besorgt an und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Lassen sie mich nur machen“, flüsterte sie und der Klang ihrer Stimme legte sich wie Balsam um Felix Nerven. Sie klopfte an das Fenster zur Fahrerkabine und bedeutete dem Fahrer zu halten. Der Höfling öffnete den Fond des Wagens. „Meiner Freundin ist gar nicht wohl“, erklärte sie ihm. „Sie ist das Autofahren nicht gewöhnt. Könnten Sie ihr dort aus dem Laden ein Glas Wasser und ein wohlriechendes ätherisches Öl besorgen?“ Der Höfling warf einen Blick auf die Freundin, die schmal und eingesunken in der Ecke des Wagens saß und empfand Mitleid. Er nickte und machte sich auf den Weg. Sobald er außer Sichtweite war, schlüpfte die Haremsdame auf den Vordersitz und wies den Fahrer an zu fahren. Das zweite Hindernis war genommen. Felix lehnte sich in seinen Sitz zurück und begann sich zu entspannen. Draußen schwamm die Silhouette der Galatabrücke vorbei. Es roch nach Salzwasser. Die blauen Augen seiner Sitznachbarin suchten schüchtern seinen Blick. Ein scheues Lächeln umspielte ihre Züge, was Felix eher ahnen als sehen konnte, denn der Mund der jungen Frau war von einem Schleier verhüllt. Er fühlte sich auf einmal sehr ritterlich und war ungemein zufrieden. „Lassen sie mich nur machen“, hatte die grauäugige Haremsdame gesagt und in ihren Augen hatte gestanden: „Es wird alles gut“. Konnten diese Augen lügen?

1 vote, average: 1 out of 51 vote, average: 1 out of 51 vote, average: 1 out of 51 vote, average: 1 out of 51 vote, average: 1 out of 5 (1 votes, average: 1 out of 5)
You need to be a registered member to rate this post.
Loading ... Loading ...

Kommentar schreiben

Sie müssen sich anmelden um einen Kommentar zu schreiben.

>