Reisereporter ruccola7
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Gelegenheiten oder sowas
„Hallo, darf ich mich setzen?“, fragte eine männliche Stimme.
„Wenn das ihr Platz ist, sicher “, sagte ich und sah in ein Paar hellgrüne Augen.
„ Ähh…nein, Moment“, sagte der zu den Augen gehörende Mann.
Er drehte er sich um und verschwand bald in dem Gewühl einsteigender Fluggäste. Neben mir platzierte sich ein Mittvierziger in Anzug und Krawatte. „Eng hier“, sagte er und nickte mir zur Begrüßung zu. Ich nickte zurück und sah aus dem Fenster. Der Flughafen Köln-Bonn wirkte genauso wie jeder andere deutsche Flughafen. Wie konnte das Gras zwischen den Rollwegen in jedem Flughafen Mitteleuropas gleich geschnitten und ausgefranst sein? Ich hatte kein Interesse an einer Unterhaltung und bemühte mich, meinen Kopf nicht von der doppelten Scheibe zu wenden. Sie strahlte Kälte aus.
Ein Gespräch riss mich aus meinen Gedanken. Der Grünäugige stand im Gang und sprach gestikulierend mit dem Anzugträger.
„Das ist mein Platz“, sagte er.
„Ist es nicht“, antwortete mein Nachbar. „Hier, bitte, meine Bordkarte.“
„Ja, ich weiß, aber wissen Sie, da sitzt meine Verlobte und wir wollten beim Einchecken zwei Plätze nebeneinander bekommen, aber wir waren so spät dran, dass alles schon belegt war.“
„Und das soll ich Ihnen glauben?“, fragte mein Nachbar und drehte sich zu mir.
„Warum sollte ich mir so etwas ausdenken? Fragen Sie sie doch!“ Er zwinkerte mir zu.
Ich weiß nicht, warum, aber ich spielte mit.
„Ja, es stimmt, was er sagt! Wir standen im Stau auf der A3, und haben es erst um 12.30 Uhr zum Flughafen geschafft. Der Check-in-Schalter schloss gerade, da haben wir eben die beiden Einzelplätze genommen. Vielleicht könnten Sie die Plätze tauschen?“, fragte ich. „Das wäre wirklich sehr nett von Ihnen!“
„Na meinetwegen. Aber nur ausnahmsweise“, sagte der Anzugträger, rollte genervt mit den Augen und zwängte sich auf den Gang.
„Wo genau ist denn Ihr Platz?“, fragte er meinen Frischverlobten.
„12 B, bitte sehr“, sagte dieser und reichte ihm seine Bordkarte. Er wartete ein paar Minuten, dann rief er dem Anzugträger nach:„Danke, Sie haben uns einen großen Gefallen getan, meine Verlobte hat nämlich Flugangst und erwartet ein Kind!“
„Meine Güte, mussten Sie jetzt noch so extradick auftragen?“, fragte ich meinen neuen Nachbarn als er sich hingesetzt hatte. Ein bisschen sauer war ich schon, so leicht hätte ich es ihm nicht zu machen brauchen.
„Ja. So ist es lustiger. Gut gemacht, ich wusste, dass ich auf Sie zählen kann. Mein Name ist Richard“, sagte er und lächelte.
„Ich heiße Sofia“, sagte ich. „Warum haben Sie das eben getan?“
„Weil Sie aussehen wie jemand, mit dem man reden kann und das ist sehr selten.“
„Mal sehen“, erwiderte ich. Aber sein Lächeln war umwerfend.
Unser Reiseziel, die Stadt Olbia im Nordosten Sardiniens, war etwa zweiFlugstunden entfernt und erstaunlicherweise schien er mit seiner Einschätzung Recht zu haben. Wir redeten die ganze Zeit über. Kein Plaudern über Nebensächlichkeiten. Nicht eine einzige Nebensächlichkeit, um genau zu sein. Ich erfuhr, dass er jahrelang Gitarrist in einer drittklassigen Jazzband gewesen war, weil die Auftritte auf Hochzeiten und 60-Jahr-Feiern genug einbrachten um seine Frau und sein Kind zu ernähren. Er habe sich immer als ernst zu nehmender Musiker verstanden, aber der Frau war das Kind wichtiger gewesen als seine Karriere als Rockstar.
„Jeder hat Wünsche und Vorstellungen“ sagte er.“Aber mir ist klar geworden, dass ich ohne meine Träume nicht leben kann. Und um seine Träume zu verwirklichen, muss man an sich glauben, rücksichts- und skrupellos an sich glauben.“
Er fragte mich nach meinem Traum. Ich schluckte. Dann erzählte ich ihm, dass ich seit vier Jahren eine Affäre mit einem verheirateten Mann hätte, der mir verspräche, seine Frau zu verlassen, und dass ich für eine Modedesignerin nähte, die meine Schnitte für teures Geld unter ihrem Namen verkaufte.
„Ich habe weder die Energie noch den Mut oder das Geld, um mich als Modedesignerin selbstständig zu machen.“, sagte ich. „Und ich nehme mir seit Jahren vor, die Affäre zu beenden.“ Er sagte daraufhin nichts Unpassendes. Er sagte gar nichts, sondern legte einfach nur seine Hand auf die meine, und es fühlte sich erstaunlich natürlich an, so als hätte er schon 1000 Mal seine Hand auf meine gelegt. Wir redeten und redeten, und ich fragte mich, ob das alles nur ein Traum sei. Aber irgendwann schallte es ziemlich real durch den Lautsprecher: „Wir befinden uns nun im Landeanflug auf Olbia. Bitte klappen Sie die Tische hoch und stellen Sie die Rückenlehne senkrecht.“
Ich fragte Richard, ob wir uns wiedersehen würden. Er antwortete nicht. Die Hauptsache sei gewesen, dass wir uns kennengelernt und miteinander gesprochen hätten. Mehr könne man nicht forcieren. Das hatte ich nicht erwartet. Wie konnte jemand so viel riskieren, um neben mir sitzen zu können und das Übrige einfach dem Schicksal überlassen? Aber er hatte Recht. Unsere Begegnung war zu perfekt gewesen um im wirklichen Leben bestehen zu können. Hier in diesem Zwischenraum, mit einem Bein im Nichts, konnte man sich vertrauen, ehrlich sein. Aber in der Realität würde unser beider Leben durcheinandergewirbelt werden wie in einem Sandsturm. Unsere Träume und Vorstellungen würden aufeinander prallen, sich verändern und ihre gesamte Energie an die Reibung verlieren. Als wir unsere Koffer durch die Schiebetür zogen - „La Germania e vicina“ prangte auf dem gelben Poster über der Kaffeebar neben uns - und uns zum Abschied umarmten, wusste ich, dass wir uns nicht wiedersehen würden. Er würde an der Costa Smeralda Rocksongs schreiben und seiner Tochter eine Karte, dann würde er zurück kommen und es wieder mit seiner Frau versuchen, des Kindes und der guten, alten Zeiten wegen. Ich würde schwimmen, essen, die Sonne genießen, im türkisfarbenen Wasser meine Füße betrachten und mich nach der Rückkehr stark und attraktiv genug fühlen, um meiner verheirateten Affäre die Nacht ihres Lebens zu bescheren.
Aber vielleicht würde alles anders kommen. Vielleicht würde Richard meine Telefonnummer auf der Rückseite der Bordkarte in seiner Hosentasche entdecken, den Hörer abheben und mich anrufen. Wir würden einen traumhaften Urlaub auf Sardinien verbringen und als echte Verlobte zurück fliegen. Den Hinflug, auf dem wir uns kennen gelernt hatten, würden wir niemals vergessen. Aber das werde ich ohnehin nicht, dachte ich und stieg in den Bus nach Olbia Stadt.
3 Kommentare zu “Gelegenheiten oder sowas”
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Februar 16th, 2008 at 23:02 Uhr
Doppelt eingefügt? Warum?
Februar 17th, 2008 at 11:02 Uhr
Zweimal die gleiche Geschichte?
Februar 19th, 2008 at 23:02 Uhr
Ich glaube, das ist ein Fehler. Einmal steht Olbia drüber und einmal Schreibwettbewerb. Super Geschichte, echt schön!!!