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Lesen Sie die Gewinner-Geschichten unseres Schreibwettbewerbs

Märchenhafter Orient:
Lesen Sie die Gewinner-Geschichten unseres Schreibwettbewerbs
Im September hatten wir unsere Blog User dazu aufgefordert eine Kurzgeschichte des Bestsellerautors Peter Prange („Der letzte Harem“) zu Ende zu schreiben. Viele „Autoren“ sind unserer Aufforderung gefolgt und Ihre Beiträge bereichern schon seit einiger Zeit unseren Blog. Wir möchten Ihnen an dieser Stelle noch einmal die drei fantastischen Gewinnergeschichten besonders ans Herz legen. Wir würden uns sehr freuen, wenn Sie uns auch in Zukunft mit spannenden Reiseberichten versorgen. So, und nun viel Spaß beim Lesen.

1. Die Ankunft (Philou)
2. Unruhen am Bosporus (U.M.)
3. Der Wissenschaftstrick (Simenti)

Der Weg ist das Ziel

Felix senkte den Blick und nach außen hin völlig ruhig murmelte er ein "Pardon."  Selbstbeherrschung hatte er schon während des Studiums bei Robert Koch üben können. Der Zettel in seinem Hemdsärmel brannte wie Feuer auf der Haut…

Kaum in seinem Zimmer, entfaltete Felix mit zitternden Fingern das Blatt.

"Hilfe! 3 Uhr - hinter dem Badehaus" stand anscheinend eilig hingeschrieben dort in französisch. Französisch! Sie waren ihm auf den Fersen. Er hatte in Lille die Ideen des Calmette gestohlen, den ersten Impfstoff heimlich entwickelt und hier in diesem fremden Land zu schnellem Ruhm kommen wollen. Es war ihm wie ein Zeichen erschienen, dass er eine der begehrten Karten für die Überfahrt ergattern konnte. Nun hatten sie ihn. Natürlich war der Sultan deshalb so schnell mit der Impfung einverstanden gewesen.

"Ich hätte es merken müssen…", stöhnte Felix, "wie konnte ich nur so überheblich sein und das meinem klugen Verhandlungsgeschick zuschreiben? Die Frauen im Harem sind hier wahrscheinlich ähnlich wertvoll wie bei uns die Versuchstiere im Labor. Was habe ich getan?"

Als man ihn kurz darauf zum Nachtessen holen wollte, ließ Felix sich vielmals entschuldigen. Nun stand ihm gar nicht mehr der Sinn nach orientalischem Essen, Musik und Tanz. Wie sehr sich seine Wünsche doch innerhalb nur einer Stunde gewandelt hatten! Noch vor kurzem war Ruhm- und Geltungssucht sein Antrieb gewesen und leichtsinnige Abenteuerlust… nun saß ihm die eigene Todesangst im Genick.

Nach Mitternacht hatte er eine Entscheidung gefällt. Sollte das Treffen eine Falle des französischen Geheimdienstes sein, dann war im Prinzip auch egal, wo sie ihn erwischten und verschwinden ließen. 

Kurz vor drei Uhr hängte sich Felix einen schwarzen Burnus über und schlich sich hinaus in die dunkle, mondlose Nacht. Nur das Sternenlicht leuchtete, als er sich im Schatten der Gartenmauern vorsichtig Richtung Badehaus bewegte.

Sie wartete bereits.

Felix rechnete jeden Augenblick damit, dass Männer hinter den Mauern hervor sprängen, aber alles blieb ruhig. "Allah, sei Dank!" hörte er sie leise flüstern.

Er trat näher und sah ihre schönen grauen Augen im Licht der Sterne glänzen. Er erkannte, dass ihr Tränen aus den Augenwinkeln traten. Tränen der Erleichterung. In diesem Moment schwor sich Dr. Felix Möbius, alle erdenkliche, ärztliche Hilfe zu leisten und niemals wieder aus reiner Selbstsucht handeln zu wollen. Wenn er hier heil heraus kam, wollte er nach Hause gehen und seinen Beruf zur wahren Berufung machen und nicht mehr und nicht weniger.

"Was ist los?" raunte er. "Komm!"sagte sie und bedeutete ihm ihr zu folgen. Sie huschten durch den dunklen Garten und er folgte ihr bis zu einer unscheinbaren, kleinen Tür. Hinter dieser Tür befand sich ein finsterer, kleiner Raum. Es war eine Art Vorratskammer, nur beleuchtet von einer einzigen Kerze, in deren bisschen Licht eine auf Matten am Boden kauernde Gestalt zu erkennen war. "Das ist Fatma, meine Freundin," erfuhr er, "sie hustet schon seit zwei Tagen!"

Beide Frauen weinten leise. Felix ließ sich sofort auf die Knie nieder und untersuchte die Erkrankte rasch und fachkundig.

Verwundert erhob er sich und sagte: "Sie hat lediglich einen kleinen fieberhaften Infekt. Das ist keine Tuberkulose, falls ihr das befürchtet habt. In ein paar Tagen wird sie sich erholt haben. Warm halten, viel trinken. Thymian- und Salbeitee sind hilfreich." "Du denkst wirklich, dass ich Fatma nur noch ein paar Tage hier versteckt halten muss und alles wieder in Ordnung kommt?" fragte die Frau mit den vom Weinen geröteten grauen Augen. "Ja sicher, ohne Zweifel!" gab Felix zur Antwort und fragte erstaunt: "Aber weshalb musst du sie wegen eines harmlosen Infektes verstecken?" "Hast du denn nicht bemerkt, fremder Doktor, welch große Angst vor Tod und Krankheit unserem Sultan, der ewigen Majestät, innewohnt? Er würde sie bedenkenlos sofort köpfen lassen, wenn er auch nur das geringste Anzeichen einer Tuberkulose vermuten könnte."

Ein Schaudern lief durch seinen Körper und Felix war froh, dass es in der Kammer recht finster war, so dass die Schamesröte, die ihm ins Gesicht stieg, nicht zu sehen war. Welch niederen Beweggründe hatten ihn in dieses Land gebracht und nun wurde ihm klar, dass die Wege des Herrn doch wirklich unergründlich sind. Es wurde ihm plötzlich deutlich, dass seine aus Eigennutz entstandene Impfaktion ganz andere Auswirkungen hatte, als er geplant hatte. Es war im Prinzip völlig egal, dass er selber davon überzeugt war, dass  sein Wirkstoff tatsächlich schon soweit ausgereift war Tuberkulose komplett vorzubeugen oder gar zu heilen. Hier in diesem Land und dieser Kultur konnte die Durchführung des Impfens allein schon lebensrettend sein. Felix wusste nun, was er zu tun hatte.

Am nächsten Morgen nutzte Felix seine Audienz beim Herrscher und erklärte diesem, dass sämtliche Haremsdamen nun immun gegen die todbringende Krankheit seien und dass dieses die moderne, europäische Art der Vorbeugung sei. An den europäischen Königshäusern habe man unlängst erkannt, dass diese Methode den Hinrichtungen vorzuziehen sei. Selbige brächten schließlich immer so viel Unruhe unter den Frauen. Und Felix lobte Abdülhamids Weisheit und kluge Entscheidung ihn herkommen zu lassen so wohlformuliert, als sei er von Geburt an ein orientalischer Geschichtenerzähler.

Am selben Tag noch bat Felix den Baron von Wangenheim, ihm seine Abreise schnellstmöglich zu organisieren und um Himmels Willen Stillschweigen über die ganze Angelegenheit zu wahren. Sowohl sein Interesse in den Geschichtsbüchern verewigt zu werden als auch die Lust auf orientalische Abenteuer war ihm grundlegend vergangen. Er wollte nur noch zurück nach Berlin und dem Schwur, den er sich selber innerlich geleistet hatte, treu bleiben.

Nie mehr sollte und wollte er die von Tränen gefüllten Augen dieser mutigen Frau vergessen, von der er nicht einmal den Namen erfahren hatte. Und er hatte verstanden, dass es weitaus wichtigeres im Leben eines Menschen gibt, als sich einen Namen zu machen. 

Im Rausch der Sinne

Tausend Gedanken schossen Felix durch den Kopf. "Wo bin ich denn hier gelandet?", fragte er sich immer wieder. Ein anderer Eunuch eilte herbei und durchlöcherte Felix mit seinen kalten, braunen Augen. "Nur nichts anmerken lassen" dachte sich der deutsche Arzt. "Geht es Ihnen nicht gut, Herr Doktor?" fragte der Eunuch. Felix Gesichtsfarbe wurde weißer als die weißen Marmorplatten des Palastes. "Das Klima in diesem Land macht mir zu schaffen. Könnten sie mir vielleicht zeigen, wo ich die Toiletten finde, um mich zu erfrischen?" Der Eunuch stutze kurz, hob aber dennoch seinen rechten Arm und deutet mit seinem ausgestreckten Zeigefinger Richtung Osten. Felix, der den Zettel immer in noch mit seiner Hand  fest umklammerte, atmete auf und eilte mit großen Schritten Richtung  Toilette. Dort angekommen, öffnete er seine Hand und konnte nun, unbeobachtet die Botschaft des zettels identifizieren
Bitte helfen Sie mir! Meine Freundinn ist schwer erkrankt und meine Familie ist zu arm um sich eine Behandlung leisten zu können!

Unter dieser Botschaft war außerdem eine Uhrzeit samt eines Treffpunktes vermerkt. "Das wird ja immer spannender" , dachte sich Felix.
Der deutsche Arzt verabschiedete sich umgehend vom Sultan und verschwand in die Innenstadt. Vor einem großen Wegweiser blieb er stehen. Er las die einzelnen, alphabetisch geordneten Straßennamen durch. Felix fand die auf dem zettel vermerkte Straße. Er schaute auf seine Uhr: "Glück gehabt. Nch 10Minuten und die angegebene Straße ist gleich um die Ecke." Felix lief auf dem gepflasterten Fußgängerweg entlang und bog am Ende der Allee rechts ab. Nun stand er inmitten einer riesigen Häuserschlucht, zwischen der nur eine kleine enge Gasse hindurchführte. "Na super - und dass, obwohl ich Platzangst habe!" Felix lief die Gasse entlang bis er an einem alten, gelblichen Ruine stoppte. "Hier entlang Doktor!" rief ihm eine vertraute Stimme zu. Der Arzt betrat das verwilderte Grundstück in ging geradewegs auf die Ruine zu. Dort wurde er schon von der Dame begrüßt, die seine Gedanken seit dem Besuch des Harems ordentlich durcheinander gewühlt hatten. In der Ecke stand eine kleine Liege aus Holz auf der ein leblos wirkender Körper einer Frau lag. "Das ist meine Freundinn" sagte die Unbekannte. "Seit 3 Tagen hat sie schweren Husten und spuckt ständig Blut. Ich weiß einfach nicht mehr weiter!" Felix sagte: "Beruhigen sie sich. Ich werde mich umgehend um ihre Freundinn kümmern. Aber zu allererst: Wie heißen Sie?"

"Ich heiße Tobias! Das weißt du doch!" Felix schauderte - ihm war bisher kein Land bekannt, in dem die Frauen Tobias genannt wurden. Er schaute zu der schönen Unbekannten. Doch plötzlich verschwamm die Sicht. Felix wurde übel. Er riss die Augen auf und blickte in das grinsende Gesicht seines Freundes.

Dieser erwiederte hämisch: "Hätte ich geuwsst, dass dich Alkohol in Kombination mit Wasserpfeife so aus der Bahn wirft, hätte ich dich nicht mit in die Shasha Bar genommen!"

COWPARADE IN ISTANBUL

Auf dem Zettel stand: Im Sommer des Jahres 2007 wird es in Istanbul eine COWPARADE geben. Kommt schnell mit TUI-FLY vorbei, um überall in der Stadt die Kühe zu bewundern. Auch der Harem wird dann für euch geöffnet sein. Die Eintrittskarten gibt es vor dem TOPKAPI Serail.

 

Um Leben und Tod

Dieser Blick verhieß Angst und Sehnsucht zugleich. Er grub sich tief in Felix’ Seele ein. Wahrscheinlich würde er sie nie wiedersehen. Den Zettel mußte er verstecken um ihn später zu lesen. Um den Eindruck zu erwecken, etwas aus seinem Arztkoffer zu holen, ließ er die Nachricht zwischen seinen Instrumenten verschwinden. Dann ging er wieder an seine Arbeit. Felix mußte sich zwingen, gleichgültig auszusehen und seine Aufgabe zu Ende zu führen. Trotzdem kreisten seine Gedanken immer wieder um die grauen Augen,die samtweiche Stimme und den Zettel in seinem Arztkoffer.

Endlich war Felix wieder allein in seinem Hotelzimmer. Mit zitternden Händen öffnete er den Arztkoffer und entnahm den Zettel, um ihn zu lesen. Was er dann zu sehen bekam, ließ ihn erschaudern. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen, als er folgendes las: "Bitte hilf mir, es geht um Leben und Tod, meine Freundin verliert viel Blut. Bitte komm kurz nach der Wachablösung heute abend zum Gartentor des Palastes, ich werde dort auf dich warten. Verbrenne diese Nachricht. Samira"

Felix zählte die Stunden und Minuten bis zum vereinbarten Zeitpunkt. Die Zeit wollte nicht vergehen und erschien ihm wie Jahre. Er würde die geheimnisvolle Fremde wiedersehen.

Nun war es endlich soweit. Felix ging zum Palast, und drehte sich unterwegs mehrmals um, um sicher zu gehen, dass ihm niemand folgte. Aber er konnte niemanden entdecken.

An der Gartenpforte angekommen, rief er leise den Namen Samiras. Niemand antwortete. Er rief noch einmal und hielt dann den Atem an, um auch das leiseste Geräusch wahrzunehmen. Auf einmal hörte er, wie sich der Schlüssel im Schloß drehte und sich die Tür knarrend öffnete. Jemand zog ihn am Arm durch die Pforte in den Garten und von dortaus in den Harem. Es war sehr dunkel und Felix konnte nicht erkennen, wer ihm hineingeholfen hatte. Sie eilten weiter durch viele Säle und Zimmer, bis sie einen abgedunkelten Raum betraten. Auf dem Bett, das durch dünne Stoffschleier umhängt war, lag eine junge Frau, regungslos und mit geschlossenen Augen. Die sie umgebenden Kissen und Decken waren blutverschmiert.

Felix Begleitung legte ihren Umhang ab und wandte sich ihm zu. Felix erblickte die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Sie hatte lange blonde lockige Haare, die im Schein der Kerzen golden glänzten. Ihre grauen Augen sahen ihn unverwandt an und baten ihn, ihre Freundin zu retten.

Um keine Zeit zu verlieren, riß sich Felix von seinem Blick auf Samira los und begann mit der Untersuchung der Kranken. Er fand tiefe Schnittstellen an den Handgelenken und es war klar, dass die Frau versucht hatte, sich das Leben zu nehmen. Die Blutung aus den Pulsadern hatte die Frau sehr geschwächt. Felix war versucht, sich nach den Hintergründen des Selbstmordversuchs zu erkundigen. Im Hinblick auf den Ernst der Situation unterließ er das jedoch. Stattdessen nahm er die Handgelenke der jungen Frau, desinfizierte sie und legte Druckverbände an, die den weiteren Blutverlust stoppen sollten. Dann wandte er sich an Samira, die die ganze Zeit ängstlich zugeschaut hatte. Man sah ihr die Erleichterung an, als Felix seine Arbeit beendet hatte. Felix erklärte ihr, wie sie die Verbände wechseln und die Patientin weiter pflegen sollte. Samira legte sich wieder den Umhang um und begleitete Felix zur Gartepforte. Dort wandte sie sich an Felix: "Du hast meiner Freundin das Leben gerettet. Sie hatte eine Liebesbeziehung zu einem der Wächter. Als das herauskam, hat man ihren Geliebten hingerichtet. Sie selbst darf den Harem nie mehr verlassen. Dies ist der Grund dafür, dass sie sich das Leben nehmen wollte." Felix fragte sich aber jedoch, wie er Samira wiedersehen könnte. Er war sich der Gefahr bewußt, der er sich aussetzte, wenn er sie um ein Wiedersehen bat. Das hatte das Schicksal von Samiras Freundin ihm schroff vor Augen geführt. Während er hin und her überlegte, waren sie bereits am Gartentor angelangt. Samira bedankte sich, und sagte, als wenn sie die Gedanken von Felix lesen könnte:" Bitte sei Dir meiner Dankbarkeit versichert. Aber bitte lass uns jeder seine eigenen Wege gehen. Der Preis für das vermeintliche Glück ist zu hoch. Wir würden mit unserem Leben bezahlen." Dann drehte sie sich um und kehrte in ihre geheimnisvolle Welt zurück. Felix stand noch einige Minuten vor der Gartenpforte und schloß die Augen. Alles erschien ihm unwirklich, als wenn er geträumt hätte. Als er seine Augen wieder öffnete, stand er immer noch vor der Mauer mit dem Gartentor, welches so aussah, als wäre es Jahrzehnte nicht geöffnet worden. Felix kehrte langsam zum Hotel zurück, legte sich auf das Bett und rief sich den Anblick Samiras in seine Erinnerung zurück. Sie erschien ihm wie eine Prinzessin aus 1001 Nacht. Aber er wußte, dass er richtig gehandelt hatte, obwohl er seine Gefühle unterdrückt hatte. Er würde darüber hinweg kommen. Dann schlief er ein.

 

 

Graue Augen

Der Obereunuch schloss die schwere, mit zahlreichen Intarsien verzierte Tür und wandte sich dem Arzt zu. Sein Blick glitt herunter auf Felix Hand, in der er krampfhaft den Zettel zu verstecken suchte, den ihm die Unbekannte zugesteckt hatte.
Langsam kam er auf Felix zu und sprach mit einer weichen, etwas ungeduldigen Stimme: „Jetzt wird es aber Zeit!“
 Felix war verwirrt. Zum einen, weil er zuvor gar nicht bemerkt hatte, dass diese Eunuchenstimme derart feminin klang. Zum anderen über die Aussage. ‚Jetzt wird es aber Zeit?’ Zeit wozu?
„Na komm, mach schon, Wir haben heute noch viel vor!“ sagte der Eunuch - wieder mit dieser sanften weiblichen Stimme, die ihm irgendwie bekannt vorkam. Und er kam näher, immer näher. Blieb schließlich unmittelbar vor Felix stehen und schlang seine dicklichen Arme um ihn. Mit einem Gemisch aus Überraschung, Widerwillen und Panik sah er, wie sich die Lippen des Eunuchen den seinen näherten…   
 „IIIIhhh“ Felix verzog angewidert das Gesicht und drehte den Kopf zur Seite.
„Na, das ist ja klasse, was ist denn in Dich gefahren?“
Hilda, die dicht angekuschelt neben Felix lag, machte Anstalten auf ihre Betthälfte zurückzurollen. So bescheuert hatte er auf einen Kuss noch nie reagiert.
„Und lass endlich meine Decke los“ fauchte sie beleidigt.
Felix Hand umklammerte noch immer krampfhaft einen Zipfel von Hildas Bettdecke, die er fast völlig auf seine Seite gezogen hatte.
„Oocchh – der Zettel – jetzt erfahr ich nie, was draufstand“  Felix gab die Decke frei und reckte sich. „Du glaubst nicht, was ich für einen Blödsinn geträumt hab.“
Er sah Hilda verschlafen an und lächelte süffisant. „Ich dachte, Du wärst ein Eunuch…“
„Ich wäre was?“
„Ein Eunuch! Ich war gerade bei Sultan Abdülhamid und hab seine Haremsdamen gegen Tuberkulose geimpft“
„Aber ich war ein Eunuch. Sehr schmeichelhaft. Danke.“
„Nein – aber ein Eunuch hat gerade in dem Moment als ich aufwachte versucht mich zu küssen.“
„Da sind Hunderte von Haremsdamen und Du hast nichts Besseres zu tun, als Dich von einem Eunuchen küssen zu lassen? „
„Vergiss es. War sowieso alles Quatsch. Nix Spannendes.“
„Na ja, wenn mein Freund mit einem Eunuchen rummacht, find ich das schon ganz spannend…“ Hilda machte es sich bequem und sah Felix mit einem Gesichtsausdruck an, der keinen Zweifel darüber ließ, dass sie jetzt bitte den ganzen Traum in aller Ausführlichkeit hören wollte.
„…nun erzähl schon.“
Felix rückte sein Kissen zurecht und blickte an die Zimmerdecke.
„ Also - ich war da zuerst auf irgendeinem Schiff und habe an einem kleinen Sekretär in mein Tagebuch geschrieben – ein bisschen rumgesponnen, wie brisant die politische Situation in Konstantinopel wohl sein würde, nachdem es da gerade einen Verfassungswechsel gegeben hatte. Das war 1908. Nehm ich gerade mit meinen Schülern durch.“
„Ach, ist das schön mit einem Geschichtslehrer liiert zu sein.“
„Aber dann hat mich wenig später der deutsche Botschafter Hans von Wangenheim abgeholt. Und der ist erst vier Jahre später nach Konstantinopel versetzt worden. Passt nicht so ganz“
Hilda gähnte.
„Und dann – jetzt wird’s ganz lächerlich – hab ich einen ganzen Harem mit einem Impfstoff behandelt, der erst knapp 13 Jahre später zum ersten Mal an Menschen getestet wurde. Gut, dass Du mich geweckt hast. Sonst wär ich womöglich noch mit den Haremsdamen zum Mond geflogen – mit Neil Armstrong als Obereunuchen…“
„Du hast Recht – das ist langweilig.“
Hilda zog sich die zurückeroberte Decke über den Kopf und tat so, als wolle sie weiterschlafen.
„Wird Zeit, dass Du das Osmanische Reich endlich abschließt in deiner Klasse. Vielleicht träumst Du dann mal was Spannendes.“ murmelte sie durch  den Stoff hindurch. „Was kommt als nächstes dran?“
„Der erste Weltkrieg“
Hilda lüpfte die Decke ein wenig, so dass ihre Augen wieder zum Vorschein kamen und sah Felix spöttisch an. „Na ja – immerhin kommen da weniger Eunuchen vor. Aber bei dir weiß man ja nie…“
„Hilda!“ Felix starrte seine Freundin fasziniert an.
„Felix…?“ starrte Hilda etwas verwirrt zurück, als sie seinen sonderbaren Gesichtsausdruck wahrnahm.
Da waren sie, lugten über den Rand der Decke hervor: zwei große, graue, leicht geschwungene Augen. Felix rutschte rüber auf Hildas Betthälfte und kuschelte sich an seine schöne Freundin.
„Na du – meine kleine Haremsdame?!“ lächelte er und küsste sie…

Auf Befehl des Sultans

… Der kastrierte Kolosss geriet jetzt in Rage, ergriff die Frau und stieß sie nach draußen.

Geistesgegenwärtig bückte Felix sich hinab, um den Zettel in seinem Schuh zu verstecken. Er wollte sich eben wieder aufrichten, da kam einer der anderen Eunuchen argwöhnisch auf ihn zu geeilt. Felix bekam es mit der Angst zu tun. Schnell ließ er die Spritze, die er noch immer in der rechten Hand hielt, fallen und tat als ob er sich nur gebückt hätte, um sie aufzuheben. Siedendheiß fiel ihm im selben Moment ein, dass die Frau mit den unwiderstehlichen Augen keine Impfung erhalten hatte.

Der Eunuch hatte sich täuschen lassen und Felix seine Fassung wieder: "Diese Frau muss noch geimpft werden! Sie gefährdet sonst alle Bewohner im Schloss!"

Dieser Muskelprotz verstand kein Wort. Ohne etwas zu erwidern zerrte er die restlichen Frauen herbei, die sich ängstlich in eine Ecke gedrängt hatten, und machte mit einer groben Geste deutlich, dass Felix mit dem Impfen der Anwesenden fortfahren solle.

Felix tat wie ihm geheißen und war froh, als seine Pflichtübung nach einer knappen Stunde erfüllt war. Augenblicklich führte ihn der Eunuch zur Tür hinaus.

Felix hoffte auf eine Gelegenheit, den Zettel der wunderschönen Frau lesen zu können. Obgleich er nur ihre Augen gesehen und ihre liebliche Stimme vernommen hatte, war sie für ihn die schönste Frau, die er je zu Gesicht bekommen hatte. Der Gedanke an sie erregte ihn auf eine nie gekannte Weise.

Kaum hatte der Eunuch ihn in einem Vorzimmer des Sultans sitzen geheißen und sich zurückgezogen, zog Felix den Zettel aus seinem Schuh und tat dabei vorsichtshalber so, als müsse er sich am Knöchel kratzen. In Windeseile entfaltete er das gelbliche Stückchen Papier: "Meine Freundin ist totkrank, bitte kommen Sie um Mitternacht in den Süd-Innenhof des Palastes!"

Felix stopfte den Zettel in seinen Schuh zurück. Da öffnete sich schon der Vorhang, und er wurde von einer Wache in den Saal des Sultans gewunken.

Sultan Abdülhamid verlangte zu hören, ob die Impfungen erfolgreich durchgeführt wurden. "Ist jede Frau nun geschützt, geht von keiner nun Gefahr mehr aus?"

Felix nickte. Er hatte beschlossen, der schönen Fremden heute Nacht eine Injektion zu geben - nachdem er sich um ihre kranke Freundin gekümmert hatte …

Bis es soweit war hatte Felix noch sehr viel zu tun, denn jetzt galt es, sämtliche Männer im Palast - vom zeugungsfähigen Wächter bis zu den Eunuchen - gegen die gefährliche Seuche zu impfen. Ganz am Ende, als der junge Doktor schon fürchtete, das Impfserum könne nicht mehr für seine geheimnisvolle Schöne ausreichen,  wurde er wieder in den Saal des Sultans geführt, und Felix schlussfolgerte erleichtert, dass er mit der Prozedur nun am Ende angelangt war.

Misstrauisch ruhte der Blick des Herrschers auf ihm: "Ist die Nadel auch desinfiziert?!, wollte Abdülhamid wissen, und zwei der acht ihn umringenden Wächter richteten zur Warnung die Lanzen auf Felix.

"Eure Hoheit", stammelte Felix, "ich bin Arzt, kein Mörder! Ich bin gekommen, um Heilung zu bringen!" Wortlos signalisierte der Sultan sein Einverständnis und zeigte auf seinen rechten Oberarm. Felix zog die Spritze auf. "Keine Sorge", sagte er, "es wird nur ein wenig pieksen." Mittlerweile war Felix so routiniert, dass er nur wenige Sekunden brauchte, um auch den Herrscher des osmanischen Reiches für immer vor der tödlichen Krankheit zu bewahren. Nur ein winziges Zittern überkam den jungen Arzt, wenn er an die noch folgende verheißungsvolle Nacht dachte.

"Mein Freund", hob der Sultan an, während er sich zufrieden den geimpften Arm tätschelte, "kommt später zu einem Nachtmahl mit mir. Es gibt Musik, Wein … und Frauen." War da plötzlich etwas geradezu Verschmitztes im Blick von Abdülhamid? Felix stieg wieder die Röte ins Gesicht, und zugleich spürte er voll Scham das Blut in seinem Genital pochen. Hatte Baron von Wangenheim etwa Andeutungen über die Sensüchte des europäischen Doktors gemacht?

Felix verbeugte sich rasch und bedankte sich.

"Und vorher …" Der Sultan gähnte herzhaft und streckte sich. "Vorher nehmen wir gemeinsam ein Schwitzbad."

Felix hätte sich am liebsten geweigert, wagte es aber nicht. Außerdem war er auch darauf sehr neugierig. Vom Hamam hatte er viel schon gehört, und es zeigte sich, dass ihm die Stunden im heißen Dampf und die kräftige Massage des königlichen Bademeisters sehr gut bekamen.

Felix fühlte sich wie neu geboren, als er sich anschließend im Speisesaal wiederfand, wo die herrlichsten Gerichte aufgetragen wurden, wunderschöne Frauen in bunten Schleiern aufregende tänzerische Bewegungen vorführten und liebliche Dienerinnen köstliche Getränke herumreichten. Beinahe vergaß er seine Verabredung um Mitternacht. Ja, er hätte sie tatsächlich vergessen, wenn ihn der Sultan selbst nicht daran erinnert hätte: "Mitternacht!" rief er und boxte den Doktor freundschaftlich in die Seite. Dann klatschte Abdülhamid in die Hände. Anscheinend war für die Mitternachtsstunde eine ganz besondere Vorführung geplant.

Felix wurde mit einem Schlag nervös. "Verzeihung Sir", murmelte er. "Ich muss mal zur Toilette!" - "Unmöglich kannst Du jetzt gehen!" Abdülhamids Hand hielt Felix Arm fest wie ein Schraubstock. Steif und bang blieb Felix sitzen und blickte wie alle anderen Gäste zur kreisrunden Fläche in der Mitte des Raumes, wo sich zehn blutrot verschleierte Frauen niedergekniet hatten.

Ein Gong ertönte, und Trommelfeuer erhob sich. Die Frauen erhoben sich zeitgleich, breiteten ihre Arme aus, und jedermann sah ihre herrlichen runden nackten Brüste. Felix verschlug es den Atem. Ein Raunen und Beifall gingen durch den Saal. Der Sultan hatte Felix Arm losgelassen, aber dieser war inzwischen viel zu gebannt, um aufzustehen. Nie zuvor hatte Felix Frauen in dieser Art tanzen sehen. Er konnte kaum stillsitzen vor Erregung. Die nur von den roten halbdurchsichtigen Schleiern umwehten herrlichen Körper dieser schwarzäugigen Schönheiten wogten und wirbelten, zuckten und vibrierten in einer Weise zur Musik, dass Felix ganz schwindlig wurde. Das Tempo nahm zu, die Frauen flogen förmlich durch die Luft. Felix sah die kleinen Schweißperlen um sie herum. Er fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Kaum auszuhalten, welche Blicke sie ihm zuwarfen: voller Aufforderung, voller Verheißung, voller Wolllust.

Die Musik tat ein letztes tösendes Crescendo und einen allerletzten Trommelwirbel. Die zehn Frauen wirbelten ein letztes Mal wild durcheinander. Dann fielen sie rücklings zu Boden, die Knie angewinkelt, ihre wogenden Brüste gen Himmel gerichtet.

Felix wand sich unter der blutstrammen Härte seiner Männlichkeit. Da traf ihn der Blick der Frau, die links außen in ihre Abschlusspose gefallen war. Ein leiser Schrei entfuhr ihm. Es war sie, die Frau mit den unwiderstehlichen Augen, die Frau, deren Hilferuf er im Schuh trug, der zu helfen er völlig vergessen hatte. Ihre Augen meinten ihn, und über die vielen Meter hinweg zeigten sie ihm, dass sie ihn erwarteten.

Der Sultan hob jetzt den Becher und alle prosteten ihm zu. Die Tänzerinnen wurden herbeigewunken, und sie näherten sich lächelnd und mit wiegenden Hüften.

Felix sah die Frau, deren übernatürlich schöne Augen ihn soeben erneut wie ein Stromstoß getroffen hatten, unauffällig zu einem Ausgang des Saales eilen. Er nutzte die Abgelenktheit des Sultans und folgte ihr. Niemand hielt ihn auf, als er denselben Torbogen erreichte, durch den die schönste Tänzerin eben wie eine  wehende Feder entschwunden war. Sie war die Schönste. Den Beweis hatte er eben vor Augen, aber gewusst hatte er es schon vorher.

Felix gelangte in einen Säulengang und wusste erst nicht, wohin. Rechts schien es in einen Garten zu gehen: War dies der Innenhof, von dem die Schöne auf dem Zettel geschrieben hatte?

"Wohin des Wegs, junger Arzt!?" Die Stimme des deutschen Botschafters ließ Felix herumfahren. "Haben Sie diese wollüstigen Tänze denn nicht zum Bleiben veranlasst!?" Baron von Wangenheim zwinkerte und griff sich in den Schritt. "Bei mir ist ja leider nicht mehr viel zu holen." Wangenheim hatte eindeutig zuviel von dem herumgereichten Wein abbekommen.

Felix erholte sich vom dem Schock. "Baron von Wangenheim! Was für eine Überraschung. Haben Sie gesehen, wo die Tänzerin hin ist, die eben hier durch kam?" - "Aha!" Der Botschafter machte einen vielsagenden Blick und brachte Felix damit zum Ausdruck, dass er doch noch nicht so umnachtet war, wie es den Anschein erweckt hatte. "Der Herr Doktor hat sich da schon eine ausgeguckt und eilt zum heimlichen Tete-a-Tete?! Mein lieber Doktor, ich warne Sie! Dafür lässt der Sultan Sie köpfen!"

Felix erschauderte, aber er ließ nicht locker: "Wohin ist sie!?" - Der Baron wies in die dem Garten entgegengesetzte Richtung. "Ich habe sie gewarnt", sagte er und wandte sich zum Saal.

Felix rannte den Säulengang entlang, der am Ende einen scharfen Rechtsknick tat und von dort aus weiter in die Tiefen des Palastes führte.  Fackeln und der Schein des Mondes warfen Licht in den kühlen steinernen Gang. Immer entfernter hörte Felix das trunkene Treiben im Saal. Wo war sie hin? Versteckte sie sich nun vor ihm? Felix konnte es kaum erwarten, die geheimnisvolle Frau wiederzusehen. Jetzt, wo er sie in ihrer ganzen Schönheit zu Gesicht bekommen hatte, verlangte es ihn umso mehr, sie von nahem zu betrachten, in ihren Augen zu versinken, ihre schönen Brüste zu berühren …

"Wo bist Du", fragte er leise auf französisch. "Psst!", kam es augenblicklich zur Antwort. Eine zarte Hand berührte seine Linke und zog ihn in eine Nische des Ganges. "Was …!?" Doch die Frau legte ihren Finger an seine Lippen. "Psst!", flüsterte sie wieder. "Hier sind überall Spione!"

Die Nische entpuppte sich als Eingang in ein Gemach voller Baldachine, in dessen Mitte ein schweres Bett thronte. War dies ihr Schlafzimmer? Felix wunderte sich, umso mehr, als ihn die Schöne dorthin wies, ihm die Schuhe auszog, sein Hemd aufknöpfte …

Jedes Mal, wenn Felix eine Frage stellen wollte, legte sie ihm den Finger an die Lippen, brachte ihn mit ihren tiefgründig schillernden Augen zum Schweigen. Spätestens als sie sich selbst entkleidet hatte und in ihrer überwältigenden Nacktheit vor ihm stand, hatte der junge deutsche Arzt keine Fragen mehr.

Berauscht von ihrem Körper und wie von Sinnen begann er an ihren köstlichen Lippen zuschlürfen und ihr herrliches Fleisch zu liebkosen. Dr. Felix Möbius wäre nie im Leben von selber daraufgekommen, dass die Einladung zum Akt eine Falle war.

Die Geschichte endet tragisch: Möbius verstarb in selber Nacht, noch kurz vor dem Höhepunkt. Auf Befehl des Sultans, welcher aber leider auf einer Intrige beruhte: Kein anderer als der deutsche Botschafter Baron von Wangenheim hatte die ewige Majestät in den Glauben versetzt, dass Felix Möbius zwar ein begabter Arzt sei, aber im Geheimen mit seinem Bruder Mehmed kooperiere. Auf diese falsche Information musste der Sultan schnell reagieren. Das Ende seiner Regentschaft folgte dennoch unausweichlich und bald auch das Ende des Osmanischen Reiches. Baron von Wangenheim hingegen hatte aus purem Neid gehandelt.

Das heimliche Treffen

Kaum das er ausser Reichweite war öffnete er den Zettel. In französisch und in einer wunderschönen Schrift las er: Bitte helfen Sie uns! Meine Freundin ist krank und Sie sind unsere letzte Hoffnung! Jeden Dienstag dürfen wir in den Garten des Palastes um dort ein Bad zu nehmen. Der Garten wird an diesem Tag streng bewacht. Jedoch gibt es an der Ostseite viele Büsche hinter denen man sich verstecken kann. Ich werde kurz vor Sonnenuntergang auf der Bank unter der riesigen Eiche sitzen und auf Sie warten. Sobald Sie hinter mir im Gebüsch sitzen pfeifen Sie drei mal wie ein Singvogel.
Felix konnte nicht glauben, was er da las. Gerade noch rechtzeitig bevor einer der Wachen auf seiner Höhe war konnte er den Zettel in seiner Hosentasche verschwinden lassen. Die Tage bis Dienstag kamen ihm endlos vor. Endlich war es soweit und schon stunden vorher wurde er aufgeregt und nervös. Seit Tagen fragte er sich was der Grund für dies alles sei. Warum diese Frau soviel riskiert.
Er schlich sich von der Ostseite in Richtung Palastgarten, wie es im Zettelstand. Schon von weitem hörte er das lachen der badenden Frauen. Da die Büsche nicht mannshoch waren kroch er näher. Es war nicht schwer die besagte Bank zu finden und so waren es noch einige Minuten bis zum Sommeruntergang. Er war nun wieder so aufgeregt, dass er zitterte.
Leise pfiff er wie ein Singvogel, dreimal, so wie es auf dem Zettel stand. Da war sie wieder, die wunderschöne stimme: "Gut das Sie gekommen sind. Bitte helfen Sie uns. Meine Freundin wird sonst sterben. Sie hat am ganzen Körper rote Flecken und muss sich unentwegt kratzen. Bitte helfen Sie uns!"
Für Felix war sofort klar um was es sich hier handelte: Windpocken. Zwar kannte er nicht den französischen Namen redete aber beruhigend auf die Frau ein: "Machen Sie sich keine sorgen, Ihre Freundin muss nicht sterben. Ich weiss was ihr fehlt. Allerdings muss ich Ihr eine Tinktur zukommen lassen, um sie zu heilen und einen Saft. Wann können wir uns wieder treffen?"
"Wir dürfen den Palast nicht verlassen, nur immer dienstags, hier in den Garten.", antwortete Sie. Eine Woche warten konnte Felix jedoch nicht. Sein Schiff ging doch schon in zwei Tagen wieder zurück! Daher schmiedete er einen Plan: "Ich werde nur noch für zwei Tage hier sein. Wenn ich jetzt gleich gehe kann ich noch vor Sonnenaufgang alles fertig gemischt haben und wieder hier her bringen. Ich wickele alles in ein grünes Tuch und lege es hier in den Busch hinter die Bank. Nehmen Sie einen Ihrer Ohrringe ab. Morgen früh nach dem Aufstehen fällt Ihnen der Verlust auf und Sie müssen die Aufseher davon überzeugen, dass Sie zur Suche mit in den Park dürfen. Dann nehmen Sie das Bündel mit Medikamenten an sich. Ihre Freundin soll sich so oft wie möglich mit der Tinktur einreiben und drei mal am Tag einen großen Schluck des Saftes trinken. Dann kann auch Sie am Dienstag wieder in den Garten gehen."
"Vielen, vielen Dank!", sagte die Frau. Da kam auch schon einer der Aufseher auf Sie zu. "Was machst du hier, so abseits von den anderen Mädchen?", war alles was Felix noch hören konnte bevor er sich langsam auf dem Bauch robbend zurück zog. 

Sarah

Felix hatte das Gefühl, er träume. Diese wunderschöne Stimme und diese Augen hatten ihn total gebannt. Langsam kam er wieder zu sich, schloss den Mund und bemerkte den Zettel, den er noch immer in seiner rechten Hand hielt. Der Eunuch stand im Türrahmen und betrachtete ihn mit fragenden Blicken. Anscheinend hatte er nicht bemerkt, dass sie ihm etwas zugesteckt hatte. Felix griff in seine rechte Hosentasche, zog sein Taschentuch heraus, ließ dabei den Zettel in der Tasche und schnäuzte sich.

Er packte seine Utensilien und stieg in das für ihn bereitgestellte Auto, das ihn in sein Hotel bringen sollte. Für heute war sein Arbeitstag beendet. Er wurde erst wieder für den morgigen Tag zum Frühstück beim Sultan erwartet. Er saß im Fahrzeug und all seine Gedanken kreisten um das schöne Mädchen und die Frage, welche Hilfe sie von ihm erwarte. Felix getraute sich nicht, den Zettel aus der Tasche zu holen, da der Fahrer ihn permanent durch den Rückspiegel beobachtete. Anscheinend hatte dieser Typ noch nie einen Europäer zu Gesicht bekommen. Felix schaute aus dem Fenster und tat, als beobachte er die Gegend, aber die Gedanken um das Mädchen ließen ihn nicht los, er konnte nichts anderes wahrnehmen. Endlich hatten sie das Hotel erreicht. Die Fahrt war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen. Zwei verschleierte zierliche Frauen kamen zum Wagen und nahmen seine Koffer in Empfang. Es war ihm peinlich, aber hätte er ihnen die Sachen abgenommen, hätte er sicher den Unmut des gesamten Hotelpersonals auf sich gezogen. Also bedankte er sich, als sie sein Zimmer verließen und drückte jeder der beiden zwei Geldstücke in die Hand. Sie bedankten sich ein Dutzend Mal und verließen erst auf Drängen rückwärts schlurfend das Zimmer. Endlich war er allein. Er setzte sich aufs Bett und zog den Zettel aus seiner Hosentasche. Aufgeregt faltete er ihn auseinander. In französischer, feiner geschwungener sauberer Schrift, stand darauf: Bitte kommen Sie morgen früh um 6 zum Palast. Direkt rechts neben dem Haus, in dem Sie mich heute sahen, befindet sich ein Glaspavillion. Dort werden Sie mich finden. Meine Freundin liegt im Sterben und nur Sie können ihr helfen. Bitte kommen Sie und helfen ihr, bitte! Sarah

Sarah, welch ungewöhnlicher Name für diese Frau. Nicht einen Moment stellte sich für Felix die Frage, ob er Sarah wieder sehen wollte. Natürlich wird er zum vereinbarten Zeitpunkt dort sein. Dies gebiete ihm allein sein hippokratischer Eid, den er vor genau 9 Jahren leistete. Außerdem wollte er herausfinden, welches Wesen hinter diesen hübschen Augen und dieser lieblichen Stimme steckt. Auch wenn hinter all dem eine große Gefahr lauere… was geschieht, wenn die Wachen des Sultans sie erwischen? Werden sie ihn einsperren, weil er gegen geltendes Landesrecht verstoßen hat, indem er sich heimlich mit einer Haremsfrau traf? Diese Gefahr wollte er eingehen. Unruhig wälzte er sich im Schlaf, was wird ihn erwarten?

Noch früh am Morgen ließ er sich zum Palast fahren. Halb 6 stand er sodann am beschriebenen Treffpunkt. Plötzlich sah er sie. Sie stand hinter einer Palme am Eingang des Harems. Sie winkte ihm zu, er solle zu ihr kommen. Felix sah sich nochmals um, aber niemand schien ihn bemerkt zu haben. Er ging zu dem Mädchen. Sie nahm seine Hand und wortlos führte sie ihn in ein nebenstehendes Haus. Niemand begegnete ihnen. Dort kamen sie auf einem langen Gang an endlos vielen Zimmern vorbei. Sie gingen eine Treppe hinunter. Wieder tat sich ein riesiger Gang auf, von dem viele Türen abgingen. Endlich blieb sie an einer dieser Türen stehen, nahm einen Schlüssel, den sie um den Hals getragen hatte und schloss die Tür auf. Erst, als sie ihm Raum waren, begann sie zu Felix zu sprechen: „Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind“. Sie wies auf ein Bett im hinteren Teil des Raumes: „Das ist meine Schwester. Sie arbeitete bis vor 7 Tagen im Palast des Königs. Als bekannt wurde, dass sie wahrscheinlich von dieser schrecklichen Krankheit befallen ist, wurde sie des Palastes verwiesen. Ich konnte sie wieder hereinschmuggeln. Sie kennt draußen niemanden und wäre wahrscheinlich zuerst verhungert. Nun geht es stündlich bergab mit ihr. Sie hustet ständig und fiebert und hat ständig Schweißausbrüche. Manchmal nimmt sie mich gar nicht mehr wahr.“ Felix betrachtete die bettlägerige junge Frau. Ihr Gesicht war blass und hager aber sie muss eine ebensolche Schönheit wie ihre Schwester gewesen sein. Er untersuchte sie und stellte dann mit einem machohaften Lächeln im Gesicht, Sarah zugewandt, fest: „Sie hat eine Erkältung! Sie wird in den nächsten Tagen wieder auf die Beine kommen.“ Er gab ihr eine Antibiotikaspritze und drückte Sarah für die kommenden 10 Tage Antibiotika-Tabletten in die Hand. Sarah bedankte sich bei Felix mit einem Kuss auf die Wange. Sie war überglücklich, dass sie ihn getroffen hatte und er war es, weil diese unglücklichen Umstände sie zusammengeführt hatten. Sarah begleitete Felix noch hinaus und beschrieb ihm von dort den Weg zum Frühstückssaal des Sultans.

Wenig später saß er zusammen mit dem Sultan und einigen anderen Männern am Tisch und aß ohne darauf zu achten, was er sich in den Mund steckte. Langsam begann das Land, ihn zu faszinieren….

Spielregeln

 
Sobald Felix seine Gemächer erreicht hatte holte er den Zettel aus seiner Hosentasche hervor, und begann zu lesen, was in französischer Sprache auf dem Blatt Papier geschrieben stand: „Verehrter Dr., meine Freundin braucht dringend ihre Hilfe als Arzt, ihr Zustand verschlimmert sich mit jedem Tag, bitte kommen sie um Mitternacht in das Musikzimmer. Sie werden es leicht finden, es befindet sich ganz am Ende des Ganges wo der Sultan sie empfangen hat. wir werden dort ungestört sein, sie brauchen sich also nicht zu sorgen“.

Felix las den Zettel ein zweites Mal, und steckte ihn dann zurück in die Hosentasche. Jemand brauchte seine Hilfe, und ohne zu zögern entschloss er sich, der Bitte nachzugehen.

Es wartete bis kurz vor Mitternacht und machte sich dann auf den Weg, den er einige Stunden zuvor schon einmal abgegangen war. Es war um diese Uhrzeit sehr ruhig im Palast, und so erreichte er ohne Zwischenfälle Punkt Mitternacht das Musikzimmer.

„Guten Abend, verehrter Dr. Möbius“ hörte er eine weibliche Stimme hinter sich erklingen, „ich freue mich, dass sie meiner Bitte nachgekommen sind, das war sehr vernünftig“. Abrupt wandte Felix sich um und erkannte nur einige wenige Schritte von sich entfernt die Dame, die ihm einige Stunden zuvor mit flehendem Blick den Zettel zugesteckt hatte, hinter einer Säule hervortreten, wie sie zuhauf im Palast zu finden waren. Er war ein wenig verwirrt, was man dem Ausdruck auf seinem Gesicht zweifelsfrei ansehen konnte, sie hatte ihn beim Namen genannt, er konnte sich nicht daran erinnern, den Damen namentlich vorgestellt worden zu sein. Er versuchte zu lächeln, aber es wirkte mehr, wie ein flüchtiger Versuch, seine Unsicherheit zu verstecken.

„Guten Abend, Madame, man hat ihnen also meinen Namen verraten, darf ich fragen, wer sie sind?“

„Verzeihen sie meine Unhöflichkeit“ fuhr sie fort, „ich habe mich ihnen nicht vorgestellt, Dr., mein Name lautet Marie, Marie Lefort, Dame aus einem guten französischen Hause…nun, zumindest trifft das auf meine Identität innerhalb des Palastes zu, sagen wir einfach, dass dies eine Rolle ist, in die ich geschlüpft bin. Sie müssen zugeben, dass ich sie gut beherrsche, denn in gewisser Weise sind sie ihr selbst auf den Leim gegangen.“

 Möbius starrte sie ungläubig an. Die Zurückhaltung die er noch am Nachmittag in ihrer Stimme vernommen hatte, war verschwunden, vielmehr klang sie in seinen Ohren sehr beherrscht. Gedanken rannten auf einmal ziellos durch seinen Kopf. Was konnte  diese Unbekannte von ihm wollen? Für einen Moment überlegte er, sich wieder umzudrehen und einfach seiner Wege zu gehen, aber trotz aller Unsicherheit war er neugierig geworden. Er überlegte ob er zum Abendessen mit von Wangenheim vielleicht ein wenig zuviel von dem Rake genossen hatte, der ihm angesichts der hiesigen Temperaturen viel zu schnell zu Kopf gestiegen war. Vielleicht war er in einen Schlaf gefallen, der ihn jetzt mit einem eigenartigen Traum überraschte, aber er verwarf den Gedanken sofort, als ihm eine noch viel schlimmere Vorstellung in den Sinn kam. Möglicherweise war dies ein intriganter Hinterhalt, der das ihm entgegengebrachte Vertrauen des Sultans auf die Probe stellen sollte. Der Sultan war bekannt für Intrigen und Spitzeleien, und er, Möbius persönlich war es gewesen,

der den Vorschlag unterbreitet hatte, die Damen zu impfen, wofür er ihre Gemächer aufsuchen musste, was einem Arzt zwar im Notfall gestattet war, aber normalerweise beurteilte der Sultan wann ein Notfall gegeben war, und nicht der Arzt. Das könnte Misstrauen beim Sultan geweckt haben. Er blickte hastig in alle Richtungen und suchte den Raum nach Personen ab, die ihn womöglich gleich abführen würden, aber außer ihm und Marie war der Raum völlig menschenleer.

Marie, der Felix unruhiges Umherblicken nicht entgangen war, nahm abermals das Gespräch auf, „Sie machen einen nervösen Eindruck, und ich werde den Gedanken nicht los, dass ich es bin, die sie so unruhig macht.“ Sie trat langsam und in kleinen Schritten aus dem Schatten der Säule auf Möbius zu, lockerte den seidenen Schleier, der in kleinen Falten über ihr Gesicht und ihre Schultern fiel, bis sie so nah bei ihm stand, dass er das Gefühl hatte, die Luft die eratmete bestünde nur noch aus ihrem lieblichen Parfum. „Es ist mir nicht entgangen, dass sie mich anziehend finden. Und unter anderen Umständen wäre ich sicher nicht abgeneigt sie näher kennenzulernen“

Felix errötete, er war kein Mann von Traurigkeit, aber solch eine offene Art war ihm unbekannt. Heute Abend, das hatte er schnell begriffen, schien er nicht derjenige zu sein, der die Regeln bestimmte, wenn auch es ihm nicht um Intimitäten ging. Dennoch musste er zugeben, dass es ihm schmeichelte und sie nicht unrecht hatte, sie war makellos schön, und sie gefiel ihm.  „Ja, in der Tat quält mich ein ungutes Gefühl, ich bin über die Sitten und Gebräuche vor meiner Abreise gut informiert worden, sich mit ihnen hier zu treffen ist kein Kavaliersdelikt“,  entgegnete Felix, trat zwei Schritte zurück und bemühte sich, die Situation unter seine Kontrolle zu bekommen,  „wo ist ihre Freundin? War es ihnen nicht möglich sie mitzubringen?“

„Es gibt keine Freundin, ich habe sie erfunden, die Wahrheit ist, dass ich sicher gehen musste, dass sie, Möbius, heute Abend hier erscheinen. Die Geschichte von der kranken Freundin war lediglich ein Vorwand um sie hierher zu locken. Mir war völlig bewusst, dass sie ihre Verantwortung als Arzt sehr ernst nehmen und kein Menschenleben aufs Spiel setzen würden ohne zumindest zu versuchen es zu retten. Der Umstand, dass sie mich anziehend fanden kam mir dabei sehr entgegen. Ihr Blick hat mir verraten, dass sie sich keine Gelegenheit entgehen lassen würden mich wiederzusehen“, erwiderte sie und schaute ihm dabei direkt in die Augen.

Felix wandte sich von ihr ab, er fühlte sich ein wenig gekränkt, er war als Arzt gekommen, wenn er ganz ehrlich zu sich war musste er sich eingestehen, dass auch etwas Neugier auf die fremde Frau ihn angetrieben hatte, aber in diesem Moment kam er sich vor, wie ein unerfahrener Junge. Seine anfängliche Unruhe begann langsam in Ärger umzuschlagen.

„Marie, ich bin sehr müde. Sie sind eine attraktive Frau, dennoch kann ich mir nicht vorstellen, dass sie gekommen sind, um mir ihre weiblichen Reize vorzuführen. Ich wäre ihnen sehr verbunden, wenn sie offen legen, warum sie mich treffen wollten, wenn der wahre Grund nicht in meinen Fähigkeiten als Arzt liegt.“

Das Lächeln, das sie bis jetzt auf ihren Lippen trug verwandelte sich langsam in eine ernste Miene.

„Dr., es tut mir leid, dass ich sie an der Nase herumführen musste, meine Belange sind zu wichtig, als dass ich ihnen heute nachmittag hätte darüber Auskunft geben  können. Angesichts der Tatsache, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt möchte ich direkt zur Sache kommen.

Ich habe die Identität von Marie Lefort  angenommen, um meine wahre Herkunft zu verschleiern, das einzige was ich mit einer Französin gemeinsam habe, ist wohl die Vorliebe für gutes Essen, und ein akzentfreies Französisch. In Wahrheit habe ich nur wenige Jahre in Frankreich gelebt“. Sie machte eine kurze Pause und schaute Felix an „Mein Ursprung liegt im Vereinigten Königreich, Dr. Möbius, ich bin Lady Amber Pelham-Clinton, am 18.7.1878 als Tochter des Duke of Newcastle geboren.“ Sie schwieg kurz, augenscheinlich dachte sie darüber nach, wie sie fortfahren sollte. „Mein Aufenthalt im Palast ist nicht von zufälliger Natur“, begann sie endlich, „und auch wenn das Leben einer Sklavin nicht meinen Vorstellungen entspricht bin ich aus freien Stücken hier. Weniger um meinen privaten Wünschen nachzugehen, als vielmehr meine Pflicht für die englische Krone zu erfüllen. Der Sultan wird schon seit langer Zeit als Gefahr für den Balkan und Europa angesehen. Das Volk schreit nach Freiheit. Die Zeit für ihn abzudanken ist gekommen, zugegeben auch, um die wirtschaftlichen Interessen Englands zu wahren. Von innen heraus konnte ich genug bewegen, um den Weg frei zu machen. Allein kann ich nun nichts mehr tun, dafür brauche ich sie, Möbius“.

Felix, der langsam in Erwägung zog, dass diese Frau nicht mehr ganz bei Sinnen war, rang sich ein mühsames Lächeln ab. „Lady Amber, ich bin Deutscher, zudem Arzt und kein Spion, was sollte ein deutscher Arzt für die englische Krone ausrichten?“

„Genauso wenig wie ich zufällig hier bin ist es kein Zufall, dass gerade sie es sind, den man in den Palast beordert hat, Dr., als Deutscher waren sie am ehesten dazu in der Lage das Vertrauen des Sultans zu gewinnen. Wie ihnen sicher aufgefallen ist, bangt der Sultan fortwährend um sein Leben, er hat jede erdenkliche Maßnahme getroffen sich vor dem Tode zu retten…..nicht ganz zu Unrecht. Kurzum, man hat mit verschiedenen Mitteln dafür gesorgt, dass ihr Name dem Sultan als erste Wahl  vorgeschlagen wird.“

„Ich muss ihnen sagen, Lady Amber, ihre Geschichte klingt so abenteuerlich, dass es mir schwer fällt ihrem Wort Glauben zu schenken. Dass sie meinen Namen kennen bietet noch kein Indiz dafür, dass ihre Geschichte der Wahrheit entspricht.“

„Sie wollen Beweise, das kann ich ihnen nicht verübeln. Nun, ihre Mutter hiess Eva, sie starb vor zwei Jahren durch einen tragischen Unfall. Ihr Vater Wilhelm lebt bei ihrem Bruder in Hamburg. Reicht ihnen das oder soll ich etwas weiter ausholen?„

Felix spürte, wie ihm die Knie langsam zittrig wurden, ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken. „nein, ….. was in aller Welt wollen sie von mir?“ stotterte er.

„Dr., sie müssen mich hier herausbringen. Ihr Koffer wird mir als Versteck dienen können, um unbemerkt aus dem Palast herauszukommen. Es ist alles arrangiert, sie brauchen sich darum nicht weiter zu kümmern. Ihre Aufgabe ist lediglich  dem Sultan morgen eine Spritze verabreichen, die anstelle des Impfserums ein Gift enthalten wird, das bereits zwischen ihren Instrumenten versteckt für sie bereit liegt. Es ist kein schnell wirkendes Gift, und sie werden genug Zeit haben, den Palast zu verlassen, Wangenheim wird sie draußen empfangen und unverzüglich außer Landes bringen. Die Jungtürken, werden dafür sorgen, dass unverzüglich alle Macht in ihre Reihen übergehen wird. Ihr Führer ist kein geringerer als Süleiman, der schon lange auf die Gelegenheit wartet, seinen tyrannischen Vater zu stürzen und die dringend benötigten Reformen zu erkämpfen. Er war meine Verbindung nach draußen, und umgekehrt. Es ist ironisch, dass gerade der größte Verfechter der Reformen mitten im Palast sitzt.“

„Wie stellen sie sich das vor? Ich bin Arzt, kein Mörder, ich rette Leben, ich zerstöre sie nicht.“ entgegnete Felix empört.

„Sie sind jung, Dr., sie mögen ihr Leben…. Sollten sie meiner Bitte nachkommen wird das Königreich sich großzügig erweisen und dafür sorgen, dass ihre finanzielle Situation wesentlich verbessert wird. Sie könnten damit problemlos ihre Forschungen auf dem Gebiet der Tropenkrankheiten aufnehmen, die sie so gern machen würden….. Andernfalls, es tut mir leid ihnen das so direkt sagen zu müssen, wird Süleiman keine andere Wahl bleiben, als sie zu töten, weil sie als Mitwisser unsere Mission gefährden würden “

Felix sackte in sich zusammen, Zeit seines Lebens war er ein rechtschaffener Mann gewesen, und von einen Moment auf den anderen hatte man ihn zur Marionette gemacht. „das ist nicht fair….Sie lassen mir sozusagen keine andere Wahl….“

Lady Amber ergriff Felix Hand und hielt sie ganz fest. „Es ist nicht mein Wunsch sie sterben zu sehen, und bei Gott, ich hätte anders entschieden, aber Süleiman sieht keine andere Möglichkeit…. Ich muss gehen, Dr., denken sie an all die Menschen, denen sie die Freiheit schenken, ich vertraue auf sie, wir werden uns auf dem Schiff wiedersehen.“ Mit diesen Worten ließ sie den aufgelösten Felix zurück und verschwand hinter einer der vielen Türen in die Nacht.

Felix, der immer noch nicht glauben konnte, was ihm gerade widerfahren war starrte noch eine ganze Weile mit leeren Augen auf die Tür in der die Lady verschwunden war und begab sich dann gedankenverloren auf den Weg in sein Schlafzimmer. Er war jung, er hatte Pläne, so viele Pläne. In diesem Moment jedoch fühlte er sich alt und gebrochen. Fast die halbe Nacht lag er wach und überlegte, wie er sich aus dieser misslichen Lage  retten konnte. Irgendwann fiel er in einen unruhigen Schlaf, der ihn mit schrecklichen Träumen quälte.

Trotz der wenigen Stunden Schlaf, in denen er kaum zur Ruhe gekommen war, stand Felix am nächsten Vormittag vor dem Sultan und erläuterte diesem , dass er am frühen Morgen dringend nach Deutschland zurückgerufen worden sei, weil sein Vater schwer erkrankt sei, und durchaus die Möglichkeit bestünde, dass ihn die Krankheit dahin raffe, was Felix zwinge unverzüglich abreisen zu müssen. Wie er erwartet hatte, war der Sultan von dieser Nachricht nicht begeistert. „Werter Sultan, ich will ihre Gastfreundschaft nicht beleidigen, und meine Arbeit ist mir sehr wichtig, aber ich habe vor einigen Jahren mit meinem Vater gebrochen, und ich könnte nicht eine Sekunde weiter leben, wenn ich nicht  zumindest versuchen würde, es rechtzeitig zu schaffen, um seinen Segen zu bekommen, und nun rennt mir die Zeit davon“. Um den Sultan das Gefühl zu geben, ihn besänftigen zu wollen schlug er vor, trotz zeitlichen Nöten, diesem die Impfung zu geben und Instrumente, wie Impfstoff im Palast zu belassen, um die Arbeit von einem anderen Arzt vollenden zu lassen. Etwas mürrisch, aber erleichtert, sein eigenes Leben nicht gefährdet zu sehen, stimmte der Sultan zu. Felix nahm mit zitternden Händen das Fläschchen das er zwischen seinen Utensilien gefunden hatte und zog die Spritze auf. Hinter dem Sultan sah er einen stattlichen jungen Mann stehen, der ihm unauffällig zunickte und sehr zufrieden wirkte. Das musste zweifellos Süleiman sein, dachte Felix bei sich. Er setzte die Spritze an, gab sie dem Sultan, bedankte sich noch mal, machte eine tiefe Verneigung und eilte hektisch durch die langen Gänge zum großen Eingangsportal, wo Wangenheim glücklicherweise mit seinem Gepäck und einer Kutsche bereits auf ihn wartete.

Felix wischte sich die Schweißperlen von seiner Stirn, er hatte es geschafft. Er stand an Deck, und der kühle Wind linderte die Hitze etwas, die unaufhörlich in ihm aufstieg. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie so sehr gefreut nach Hause zu kommen. Im Grunde war es eine leichte Aufgabe gewesen, wie dumm, dass er sich erst die halbe Nacht den Kopf zerbrochen hatte, bevor er im die naheliegendste Lösung einfiel. Gleich als erstes hatte er am nächsten Morgen nach dem Fläschchen gesucht, dass das Gift enthielt, hatte den Inhalt ausgekippt und gründlich gereinigt, und es dann mit dem Impfserum gefüllt. Danach war der Weg für ihn frei gewesen, der ihn auf dieses Schiff und letztendlich in seine Heimat führte. Er war sich nicht sicher ob dieser Plan gelingen würde, aber nun, da alles funktioniert hatte, mochte er keinen weiteren Gedanken an diesen Teil seiner Vergangenheit verschwenden.

Er schaute nach rechts, wo Lady Amber, die wie geplant in seinem Überseekoffer unbemerkt aus dem Palast gelangt war, auf einer Bank Platz genommen hatte und genussvoll die kühle Seeluft einatmete. „Ich freue mich so sehr England wieder zu sehen, Dr., und natürlich meine Familie, ich kann es kaum erwarten.“

Felix lächelte, „die Spielregeln haben sich geändert Miss…. Ich denke sie täten besser daran, mich nach Deutschland zu begleiten“ Er holte seine Pfeife aus seiner Westentasche hervor, steckte sie sich an, setzte sich neben Lady Amber und erzählte ihr von seinem Vorgehen. Zu seiner Überraschung wirkte diese nicht entsetzt, sondern äußerst zufrieden. „Die Spielregeln ändern sich wirklich schnell…“ sagte sie und nippte an ihrem Drink, „erinnern sie sich, dass ich ihnen mitteilte, dass ich sie nicht gern sterben sehen würde? Das war ein ehrlicher Wunsch, darum liess ich in Absprache mit Süleiman alle Flaschen, die ein Impfserum enthielten, präparieren. Jedes davon, Dr., enthielt genug Gift, um den Sultan zu töten…

Der Wissenschaftstrick

Der Wissenschaftstrick

Als Felix Möbius in dem Wagen saß, den man ihm für die Rückfahrt ins Hotel gerufen hatte, kramte er den Zettel aus seiner Hosentasche. Seine Finger bebten vor Erregung, als er das mürbe Blatt auseinander faltete. Er las in französischer Sprache: „Bitte helfen Sie uns. Meine Freundin ist krank an der Seele. Sie wurde vor zwei Monaten gewaltsam in den Harem des Sultans gebracht und hat ihre Jugendliebe in einem kleinen Dorf in Anatolien zurück lassen müssen. Ich fürchte, sie stirbt an gebrochenem Herzen, wenn man sie hier dauerhaft gefangen hält.“
Der Arzt zerknüllte den Zettel gedankenvoll und stopfte ihn zurück in seine Hosentasche. Die Dame war gut. Was konnte er denn tun? Die Sitten und Gebräuche in diesem reizvollen, aber fremden Land waren ihm wenig vertraut. Die Autorität des Sultans war unbestreitbar. Warum sollte er auf ihn, Felix Möbius, einen Vertreter einer fremden, von ihren wissenschaftlichen Errungenschaften abgesehen wenig geschätzten Kultur hören? Der samtene Klang der Stimme der französisch sprechenden Haremsdame stahl sich ihm noch einmal ins Ohr und jagte ihm einen Schauer über den verschwitzten Rücken. Diese Stimme und diese Augen, deren Gründe so tief waren, dass man sich darin verlieren wollte…… Felix Möbius beschloss ein Bad zu nehmen und bei einem anschließenden Glas Whiskey die Sache noch einmal zu überdenken. Als er frisch gebadet, in einen paisley-gemusterten Seidenbademantel gehüllt, auf dem Hotelbalkon saß und den Blick auf die Blaue Moschee genoss, über die sich allmählich das Dämmerlicht ergoss, erschien ihm das Leben überaus lebenswert. Lediglich die Erinnerung an die drängende Stimme der Haremsdame wollte seine gute Laune mindern. Seine Gedanken schweiften in die Heimat, zu den regennassen, laubbedeckten Straßen, die er in München zurück gelassen hatte und zu seinem medizinischen Forschungsprojekt, das ihn nunmehr schon seit einigen Jahren leidenschaftlich in den Klauen hielt. Sein Forschungsprojekt……….

Am nächsten Morgen, er hatte sein Frühstück noch nicht beendet, schickte er einen Hotelboten mit einer Nachricht in den Sultanspalast. Er bat darin um eine erneute Audienz bei Sultan Abdülhamid in einer dringenden Mission. Zu seinem Erstaunen kam der Bote wenig später mit einer Einladung zum nachmittäglichen Tee mit dem Sultan zurück. Felix Möbius nutzte die Zeit bis dahin, um durch die sonnendurchfluteten Gässchen der Altstadt zu flanieren, sich am konkurrierenden Kreischen der Melonenverkäufer zu ergötzen und seinen Plan zu vervollkommnen.
Der Sultan sah ihm mit neugierigen Augen entgegen, als er in das herrschaftliche Teezimmer vorgelassen wurde. Auch diesmal trug er seine Uniform, die seltsam kontrastierte mit der opulenten Ausstattung des Raumes, der unter einer Flut weicher Teppiche förmlich versank. Möbius ließ sich auf eines der üppigen Kissen sinken und beobachtete den Höfling bei der aufwendigen Zubereitung des Tees. Als sich der junge Mann unter vielen kleinen Vorbeugungen rückwärts entfernte, nahm er einen Schluck des köstlich duftenden Gebräus und ergriff das Wort. „Als ich gestern die Ehre hatte, eure Haremsdamen einer Impfung zu unterziehen, die ihnen Leid und Elend ersparen wird, machte ich eine interessante Entdeckung.“ Der Sultan ließ ihn nicht aus den Augen, verzog jedoch keine Mine. Möbius fuhr fort. „Keine der Damen gab einen Schmerzenslaut von sich, was angesichts der Dicke der Injektionsnadel und der mangelnden Erfahrung mit Impfungen überaus überraschend ist.“ Der Sultan nippte an seinem Tee und zog eine Augenbraue hoch. „Lautstarke Ausdrücke von Emotionen oder Schmerzempfinden sind im Harem nicht üblich“, erklärte er dem deutschen Arzt. „Das dachte ich mir fast“, entgegnete Möbius. „Dennoch interessiert mich dieses Phänomen. Wie sie wissen, bin ich Experte auf dem Gebiet der aktiven Immunisierung. Die Entdeckung des Tuberkulose-Bakteriums 1881 war in Deutschland Bahn brechend und eröffnet uns ungeahnte Möglichkeiten der Krankheitsprävention. Allerdings stoßen wir immer wieder auf das Problem der mangelnden Impfbereitschaft. Viele Menschen fürchten sich vor der Injektion und überschätzen den minimalen Schmerz, den diese bereitet.“ Abdülhamid tupfte sich die Lippen ab. „Warum erzählen sie mir das?“ wollte er wissen. Felix Möbius sah ihm gerade ins Gesicht. „Möglicherweise verfügen ihre Haremsdamen über Techniken der Schmerzbewältigung, die für uns von großem Nutzen sein könnten.“ Der Sultan wirkte irritiert. „Mir ist nichts dergleichen bekannt“, wehrte er ab. „Erlauben sie mir“, bat Felix, „ein paar einfache Tests mit einigen Frauen durchzuführen. Ich verspreche Ihnen, dass sie verhüllt bleiben dürfen und das nichts passieren wird, was nicht im Sinne eurer Herrschaft wäre. Aber es wäre ein unschätzbarer Gewinn für die medizinische Wissenschaft.“
Der Sultan wiegte unentschieden den Kopf hin und her. „Wo soll dieses Experiment stattfinden?“ Felix Möbius setzte eine Mine des Bedauerns auf. „Es tut mir furchtbar Leid, aber es muss in meinem Hotelzimmer geschehen. Das Instrumentarium, das ich benötige, ist sehr empfindlich und sollte so wenig wie möglich Erschütterungen durch Transport ausgesetzt werden.“ Der Sultan legte die Stirn in Falten. „Aber die Haremsdamen verlassen den Palast nie mehr wieder, wenn sie einmal hier sind“, entgegnete er unwillig. Möbius warf sich auf die Knie und nahm die Hand des Sultans zwischen seine kräftigen deutschen Finger. „Sie würden der Wissenschaft einen unschätzbaren Dienst erweisen“, bat er flehentlich. Der Sultan entzog ihm seine Hand und winkte dem Höfling, der hinter einem Paravent gewartet hatte. „Er soll sich zwei Haremsdamen aussuchen und man begleite sie ins Hotel.“

Im Harem unterrichtete der beleibte Eunuch die Haremsdamen von dem Vorhaben des deutschen Arztes und forderte sie auf, sich in einer Reihe aufzustellen. Die Frauen gehorchten stumm und reihten sich auf wie die Spatzen auf der Telefonleitung. Der Eunuch wies Felix an, seine Wahl zu treffen. Möbius ließ die Augen über die Reihe schweifen, bis er an einer sehr aufrecht stehenden Dame hängen blieb, die ihren linken Fuß keck vorgeschoben hatte. Er versuchte, ihren Blick zu erhaschen und richtig, da waren sie wieder, die grauen Augen mit den unergründlichen Tiefen. Er trat auf sie zu und deutete mit dem Kopf zu ihr. „Diese scheint mir geeignet“, teilte er dem Eunuchen mit. Die Frau trat einen Schritt vor, so dass sie auf seiner Höhe stand und raunte ihm auf Französisch zu: „Die Letzte in der Reihe.“ Möbius schritt die lange Reihe einmal auf und ab. Die Frauen neigten die Köpfe, sobald er ihrem Blick begegnen wollte. Am Ende der Reihe stand eine Frau, die von besonders zartem Körperbau war. Sie schien auf ihren zarten Knochen leicht hin- und her zu schwanken. „Und diese“, sagte er entschlossen und erhaschte einen ungläubigen Blick aus bemerkenswert blauen Augen. Die beiden Frauen und er wurden von dem Eunuchen ins Freie begleitet, wo sich ein nicht enden wollender Redeschwall über sie ergoss. Felix verstand kein Wort, aber der Tonfall ließ ihn vermuten, dass der Eunuch den beiden Frauen jede Menge Verhaltensregeln und Drohungen mit auf den Weg gab. Vor dem Palast wartete ein feudaler Wagen auf sie. Die Frauen nahmen auf der hinteren Sitzbank Platz. Felix setzte sich ihnen gegenüber. Der sie begleitende Höfling stieg neben dem Fahrer ein. Eine merkwürdige Beklemmung befiel Felix. Der erste Streich war gelungen. Die beiden Frauen waren aus dem Bannkreis des Harems befreit. Aber wie sollte es weiter gehen? Wie wollte er die junge Frau zurück in ihr Dorf befördern und was, wenn der Sultan erfuhr, dass er ihn getäuscht hatte. Würde das die diplomatischen Beziehungen nicht nachhaltig belasten? Ein deutscher Arzt brachte Sultan  Abdülhamid um ein Juwel aus seinem Harem. Felix brach der Schweiß aus. Er tupfte sich mit einem Taschentuch den Nacken ab. Die Französisch sprechende Dame sah ihn besorgt an und legte ihre Hand auf seinen Arm. „Lassen sie mich nur machen“, flüsterte sie und der Klang ihrer Stimme legte sich wie Balsam um Felix Nerven. Sie klopfte an das Fenster zur Fahrerkabine und bedeutete dem Fahrer zu halten. Der Höfling öffnete den Fond des Wagens. „Meiner Freundin ist gar nicht wohl“, erklärte sie ihm. „Sie ist das Autofahren nicht gewöhnt. Könnten Sie ihr dort aus dem Laden ein Glas Wasser und ein wohlriechendes ätherisches Öl besorgen?“ Der Höfling warf einen Blick auf die Freundin, die schmal und eingesunken in der Ecke des Wagens saß und empfand Mitleid. Er nickte und machte sich auf den Weg. Sobald er außer Sichtweite war, schlüpfte die Haremsdame auf den Vordersitz und wies den Fahrer an zu fahren. Das zweite Hindernis war genommen. Felix lehnte sich in seinen Sitz zurück und begann sich zu entspannen. Draußen schwamm die Silhouette der Galatabrücke vorbei. Es roch nach Salzwasser. Die blauen Augen seiner Sitznachbarin suchten schüchtern seinen Blick. Ein scheues Lächeln umspielte ihre Züge, was Felix eher ahnen als sehen konnte, denn der Mund der jungen Frau war von einem Schleier verhüllt. Er fühlte sich auf einmal sehr ritterlich und war ungemein zufrieden. „Lassen sie mich nur machen“, hatte die grauäugige Haremsdame gesagt und in ihren Augen hatte gestanden: „Es wird alles gut“. Konnten diese Augen lügen?

Unruhen am Bosporus

Felix ließ den Zettel unbemerkt in seinen Kleidern verschwinden, während ihn ein Blick des Eunuchen durchbohrte wie ein fliegendes Messer. Er spürte, wie er anfing zu schwitzen. Dieser Blick verhieß nichts Gutes. In einer Hinsicht war er unantastbar, er stand unter dem Schutz des Herrschers, in dessen Dienst er handelte. Es war aber unmissvertändlich klar, dass er hier ein Eindringling und nicht willkommen war. Zwar war er nicht direkt beunruhigt, einen Moment lang besann er sich dennoch auf die Waffe, die er tags zuvor auf dem Tisch seines Gastgebers hatte liegen sehen. Vorsicht war das Gebot der Stunde. Er fragte sich, wohin die Angst eines Menschen ihn treiben konnte und welches Ausmaß Skepsis und Abscheu annehmen mochten, wenn die Maske von Höflichkeit und Anstand verrutschte. Es wäre gut, sich nicht allzusehr auf den Schutz des Sultans zu verlassen, denn was wußte er letztendlich schon von seiner Gnade und von diesem Land? Was wußte er als Europäer schon von den Regeln des Anstands - von den offiziellen und inoffiziellen - am osmanischen Hof. "Nichts für ungut", sprach er sich selbst zu. Da war noch Baron von Wangenheim, der als Fremder die Sitten dieses Landes kennen mußte. Europäer gab es hier keine. Auf den Straßen ein Gemisch von halbechten Handelssprachen, die er nicht verstand. Man hatte ihn gewarnt, nicht leichtgläubig zu sein. Ihm fiel ein gutgemeinter Rat seiner Bekanntschaften von den Mittwochabenden in Berlin ein: "Bewahren Sie den guten Geist, mein Freund, die Ferne birgt Faszination und Tücke in gleichem Maße".  

Obwohl er die Impfung der Frauen fortsetzte, mechanisch und routiniert, waren seine Gedanken bei den Augen dieser einen Frau, bei ihrem Blick. Ihre Verwirrung hatte ihn tief berührt und er wollte ihr helfen. Sie schien nicht von hier zu sein. Es war unwahrscheinlich, dass sie osmanischer Abstammung war. Er hatte ihre Züge unter dem Schleier nur erahnen können, doch allein ihre Augenfarbe und -form wich zu sehr von den Mandelaugen der anderen Frauen ab. Sie mußte eine Fremde sein.  

Er brauchte eine weitere Stunde, um die restlichen Impfungen zu geben, dann packte er alles in seinen Koffer und ließ sich zu seinen Zimmern führen. Es war ihm bewußt, dass ihm der Blick des Obereunuchen folgte. Erst nachdem er die Türe mit einem Schlüssel verschlossen wußte und sich vergewissert hatte, dass niemand ihn durch das Fenster sehen konnte, zog er das Blatt Papier aus seiner Tasche, das ihre eilige Hand ihm zugeschoben hatte. Darauf stand in vorsichtiger Schrift ein Name und eine Adresse. Morgen, dachte er bei sich. Morgen war er bei von Wangenheim zu Tisch geladen. Das wäre ein guter Moment, mehr zu erfahren. Etwa über seinen Gastgeber und dessen Gepflogenheiten. Und über die Frauen im Harem vielleicht… Er würde erwähnen, er müsse einen "Hausbesuch" machen. Ihm würde sicher etwas einfallen. Und von Wangenheim würde ihm sicher helfen können. Ob er ihm vertrauen konnte, wußte er noch nicht, aber auch das würde sich zeigen.

Ein Geräusch schreckte ihn aus seinen Überlegungen. Jemand lief schnellen Schrittes durch die Palastgänge, man hörte einen Aufprall, einpaar laute Stimmen wie bei Diskussionen, dann wurde es still. Einen Moment lang lauschte er, ob sich noch etwas regen würde, dann löschte Felix die Öllampe neben seinem Bett und wurde von einem unruhigen Dämmer ergriffen, der in einen tiefen Schlaf überging.

"Möbius, Sie sind ein Träumer! Aber, bei Gott, ich habe noch niemanden erlebt, der tatsächlich nach einigen Stunden Bekanntschaft mit dem Sultan legal in seinen Harem eingelassen worden wäre…" Dem Botschafter war nach einem guten Essen und einem Digestif nach vertrautem Scherzen zumute. "Auch wenn Sie eine gute Ausrede vorzubringen hatten…" Das Mißtrauen, welches im Palast vorherrschte, schien sich noch nicht in das Idyll der botschaftlichen Residenz geschlichen zu haben. Von Wangenheim schien es sichtlich zu genießen, einen "ungebildeten" Europäer vor sich zu haben, mochte dieser auch ein Akademiker aus höchsten Kreisen sein, mit dem er zwar auf gleichem Niveau, aber doch in unanfechtbarer Autorität seiner Kenntnisse einen gepflegten Austausch halten konnte.

"Ihre Majestät scheint befangen zu sein?" entglitt es Felix mitten in einem unaufgeregten Gespräch über die Architektur der Paläste. Der Botschafter sah ihm mitten ins Gesicht. "Dies ist nicht Europa, Dr. Möbus. Ein Herrscher hat nirgends nur Freunde, egal über welches Land und welche Umstände er gebietet. Die Makedonier machen uns hier zu schaffen. Und das sind nicht die einzigen. In Konstantinopel mausern sich die kleinen Leute. Sie haben das einzigartige Glück, uns in bewegten Zeiten zu beehren. Sie sehen, die Tuberkulose ist nicht die einzige Seuche, die hier grassiert…aber ich hoffe sehr, die einzige, mit der Sie in Berührung kommen werden" "In Berlin - antwortete Felix - haben wir eine Regelung, an die wir uns bei Diskussionen halten: keine Tagespolitik. Darüber ließe sich niemals streiten - nur endlos debattieren." "Hört, hört" parierte von Wangenheim und hob das Glas wie zum Tost. "Eines noch, ergänzte Felix, ich habe versprochen, einen Hausbesuch zu machen. Man gab mir eine Adresse und einen Namen. Ich werde erwartet. Könnt ihr mir einen diskreten Diener zur Hand geben, der mich sicher an die richtige Stelle bringen kann?" "Wie immer ich Euch behilflich sein darf, Doktor. Rettet nur Leben wie Ihr es vermögt. Und bleibt bei Euren Arzneien."

Es war bei frühem Tagesanbruch, als sich die Nebel der schlafenden Stadt noch nicht verflüchtigt hatten, da sich Felix in Begleitung eines Dieners vor einer niedrigen, grauen Türe wiederfand, die in ein noch niedrigeres Haus Einlass gewährte. Eine alte, gebückte Frau öffnete. Sie musterte beide Männer kurz, doch als ihre Augen den Arztkoffer in seiner Hand fanden, nickte sie bestätigend und ließ sie ein. Mit einem kleinen Öllämpchen stieg sie eine enge Treppe hinauf und machte Felix ihr folgen. Sie betraten ein Zimmer. Auch hier war es dunkel. Es roch nach Ruß und einem Gewürz, das Felix nicht kannte. In der Mitte des Raumes war ein Bett aufgestellt, darin schlief eine Frau. Ihre weißen Hände lagen unbeweglich auf der dunklen Decke wie gekreuzte Lilien. Er trat näher und setzte sich auf das Bett. Kaum traute er sich, sie anzufassen, so zerbrechlich sah sie aus. Entgegen der Gewohnheiten dieses Landes war sie nicht verschleiert, und die Alte ließ ihn gewähren, ohne ein Wort zu verlieren oder einzuschreiten. Er fühlte die Stirn, fühlte den Puls, betrachtete ihre Haut und ihre Augen. Offensichtlich hatte sie viel Blut verloren. In jedem Fall war sie sehr schwach. In seinen Ohren klang die Melodie der lieblichen Stimme jener jungen Frau nach, die ihn hierher geschickt hatte und er hörte ihr Bitten in seinen Ohren nachhallen: "Leben und Tod" Vielleicht wahr es für diese Wahl schon zu spät. Er bemühte sich, vorsichtig ihren Körper abzutasten und fand recht schnell heraus, worum es sich handeln mußte. Bedauerlicherweise konnte er sie nicht fragen, sie war kaum bei Bewußtsein und die Alte würde ihn nicht verstehen. Alles deutete jedoch auf eine Fehlgeburt hin. Die Chancen standen schlecht, daß sie sie überleben würde. Ihr Fieber war hoch. Und in diesem Zustand war sie noch anfälliger für weitere Krankheiten. Das wenige, was er tun konnte, tat er. Er gab der Alten einige Mittel und erklärte, so gut er konnte, wie sie damit umzugehen hatte. Sie schien zu begreifen, weinte und murmelte ihm irgendetwas entgegen, das er nicht verstand. Dann packte er seine Tasche und verließ das Haus.

"Danke" hauchte eine silberne Stimme, die er zum ersten Mal hörte, als er einige Tage später wieder in dem abgedunkelten Zimmer saß. Es war wie ein Wunder, daß die junge Frau sich erholt hatte. Das wußte er, selbst als Arzt. Nun saß die Frau im Schleier in ihrem Bett und sprach einige Worte in einem schwer verständlichen Französisch. "Ich bin so dankbar, daß Lavine Ihnen Nachricht geben konnte, Doktor". Lavine, dachte er bei sich, welch ein wunderschöner Name für eine Frau, deren Augen ihn verfolgt hatten vom ersten Moment an, in dem er ihnen begegnet war. "Sie ist Europäerin?" "Ihre Mutter war Französin. Sie wurde entführt und verkauft als Sklavin. Ein Kaufmann hat sie bei sich behalten bis zu ihrem Tod. Lavine hatte Glück. Sie hat französisch gelernt als Kind und durfte ihren Vater auf Reisen begleiten. Als er krank wurde geriet sie in Mißstand und schließlich fand sie ein Abgesandter des Sultans und brachte sie in den Harem." Das hörte sich an wie eine erfundene Piratennovelle. Unwahrscheinlich und fremd. Zumindest aber kannte er nun die Geschichte der Frau, die ihn so faszinierte. "Wie kommt es, dass sie sich im Harem aufhält, während ihr hier in diesem Haus seid?" Nun begann sie zu weinen. Er konnte ihr Französisch kaum verstehen, es verlor sich zwischen ihrem Schluchtzen.

In dem Moment als sie sich beruhigt hatte, hatte er ein ganz anderes Bild der Dinge bekommen. Hatte er noch einige Tage zuvor scherzhaft dem deutschen Botschafter versichert, die Geschehnisse in diesem Land wären eindeutig etwas, von dem er sich nicht einfangen lassen wollte, so mußte er nun erfahren, dass sich ein Widerstand gegen den Sultan regte, der bis in die Herzen der Menschen vordrang. Und bis in den Harem der ewigen Majestät. Sie hatte sich in den falschen Mann verliebt, in einen Aufrührer, der in die majestätischen Gemächer eingedrungen war, und sich mit ihm getroffen. Die Frucht dieser Treffen hätte sie aber ihr Leben gekostet, hätte sie sie nicht beseitigt - und auf jeden Fall auch das ihres Geliebten. "Er ist kein Mensch!" entkam er der jungen Frau als sie von Sultan Abdühlamid sprach. Wut brach aus ihr heraus:"Es ist kein Wunder, dass er sich fürchtet! Es muss ein gutes Leben für alle geben…" Erstaunt über so viel demokratisches Gedankengut aus dem Munde einer osmanischen Frau mußte Felix lächeln. "Und Lavine?" "Allah schütze sie. Hat sie denn nicht auch ein Recht zu leben? Sie haben ihn getötet vor ihren Augen!" Wen? wollte Felix fragen. Doch da begann wieder das Schluchtzen und er ließ davon ab.

"Wir sind dankbar für Euere Unterstützung und versichern Euch unserer Dankbarkeit", bekräftigte der Sultan an einem warmen Nachmittag in den königlichen Gärten, wo Süßigkeiten, Tee und und frische Säfte gereicht wurden. Es war ein herrlicher Abend, an dem die Pfauen über die Wiesen spazierten und der Muezzin seinen Ruf gerade beendet hatte. Die Sonne siebte ihr gähnendes Licht durch die Büsche und Äste, und der Sultan sprach von seinen Hoffnungen, die Tuberkulose möge nun besiegt sein und ließ den Arzt bericht erstatten und theoretisieren. Es hatte in den letzten 4 Wochen lediglich zwei Tote gegeben, und diese waren bereits krank gewesen bevor der Arzt eingetroffen war. Es gab keinen Grund zur Besorgnis. Dennoch kehrten seine Gedanken regelmäßig zurück zu den europäischen Augen der Frau, die im Harem sitzen und warten mußte. Worauf? Darauf, daß etwas geschehen würde. Der Sultan trug inzwischen seine Waffe am Gürtel, ohne sie abzulegen. Hinter ihm standen zu jeder Zeit zwei muskulöse Mohren und die Palastwache war verdoppelt worden. Wovor fürchtete er sich?

"Wach auf!" flüsterte Lavines Stimme leise mitten in der Nacht. Felix dachte, es wäre ein Traum, aber es war wirklich ihre Stimme, die er hörte, und er war wach, hellwach. Sie sprach zu ihm durch das breite Gitterfenster: "Komm nach draußen, ich muß mit Dir reden…!" Felix konnte nicht denken, so schnell hatte er sich angezogen und jeder Gedanke an eine Falle oder daran, wie es möglich war, dass es jemand anderes sein könnte, war zu langsam. Er schlich durch den Gang, den Mondlicht erhellte. Es war Neumond, und zum Glück nicht allzu hell, denn sonst hätte man ihn entdecken können. Sie war verschleiert, aber er sah ihre Augen auch noch im Dunkeln. Es war tatsächlich Lavine. Sein Herz pochte. "Lavine?" flüsterte er. "Hierher, schnell. Still" hörte er sie sagen und es legte sich eine Hand auf seine Brust und zog ihn in ein Gebüsch vor einer kleinen Mauer. Nun war wirklich alles schwarz, und er konnte gar nichts mehr erkennen. Er spürte, dass sie ihm wieder einen Zettel zusteckte und ihm zuflüsterte: "Danke, du hast ihr Leben gerettet. Ich werde das nicht vergessen. Versprich, dass Du diesen Ort verläßt, so schnell Du kannst. Geh morgen oder übermorgen. Verlasse aber um jeden Preis den Palast!" Sie küßte ihn vorsichtig und er konnte nicht mehr atmen vor lauter Überraschung. "Ich werde einen Weg finden, Dich mitzunehmen. Du gehörst nicht hierher!" Er griff nach ihrer Taille und zog sie näher für einen kurzen Moment. Sie hauchte ein eindeutiges: "Nein. Geh! Das ist kein Spiel!" Dann hatte sie sich gelöst und das einzige, was die Nacht wärmte, war ein wohliger Luftzug, der an ihm vorbeizog. Er schlich zurück ins Zimmer, legte sich ins Bett und wollte wieder einschlafen, aber konnte es nicht bis zum frühen Morgen. "Geh!" hatte sie gesagt. Und sie hatte ihn geküßt - eine osmanische, europäische Frau. Er glaubte es nicht. Er konnte sie nicht alleine lassen. Aber sie hatte Recht. Man mußte kein Politiker und Intrigant sein um vorauszusehen, daß es hier bald starke Unruhen geben würde. Was seine Sicherheit anging, hatte sie Recht. Jetzt war der Weg noch frei. Aber was in einigen Tagen sein würde, oder vielleicht in einigen Wochen, das wußte keiner…

Penelope La Croix

Sie müssen wissen, dass Dr. Felix Möbius nicht diese Person war, für den man ihn hielt. Ein Jahr vor dem Antritt der
Reise in den Orient wurde explizit an dem Verschwinden einer jungen Frau aus Paris ermittelt.
In dem Zeitungsbericht, vom 28.08.1908, hieß es: Die Ermittlungen wurden aufgrund mangelnder Beweislage eingestellt.
Das Verschwinden der Penelope La Croix konnte nicht geklärt werden.
Sie war eine Frau mittleren Alters. Sie hatte Stil gar keine Frage und sie gehörte der Gruppe von Frauen an,
die nicht im Schatten ihrer Männer wachsen. Sie war auch keine von denen, die sich Konventionen unterzog in
die sie nicht passte, wie ein Mantel der zu eng geworden war und einem die Luft zum Atmen nimmt, wenn man ihn nicht
rechtzeitig auszieht.
Eine Familie wie aus dem Bilderbuch, eine Familie, die scheinbar jede Grenze überwindet und eine, die Paris zu einer
ihrer ganz persönlichen Bühnen erklärt hat.
Das ist die Familie La Croix. Ihr Wohnsitz, in einem der renomierten Häuser der damaligen Zeit ließ keine
Wünsche offen. Und auch die Kinder, es waren ein Junge, René, und ein Mädchen, Penelope, sind die Vorzeigeobjekte gewesen,
von denen man erwartete, dass sie Normen kennen und Anstand trainieren.
Die Eltern waren stolz, wenn man das so nennen kann, denn der Stolz beruhte wohl eher auf der Tatsache,
das ein Junge den Vater vertritt und jeden zweiten Sonntag mit ihm angeln geht,
Penelope könnte man später reich verheiraten, am Besten natürlich mit einem Arzt um die finanzielle
Topsituation der Familie in eine weitere Legislaturperiode finanzieller Erfolge zu leiten.
Doch als 25 Jahre später, ihre Tochter auf mysteriöse Weise scheinbar ohne eine Spur zu hinterlassen, verschwindet,
fängt ihr Bruder an sich selbst und seine ganze Umgebung in eine Art Wahnsinn zu führen.
Er veranstaltete ein wahres Kopfkino, in dem seine Gedanken sich ausschließlich um seine Schwester drehten.
Er spann sie geschickt auf, wie eine schwarze Wittwe ihren Faden.
Den Faden, der ein Netz bildet und das Netz in dem die Beute hängen bleibt.
Diese Beute gestaltete sich als ein schwieriges Unterfangen. Tatsächlich gelang es ihm seinen
Faden quer durch Europa zu spinnen, denn dorthin führte derselbe. René La Croix, fand noch am selben Abend, als der
Artikel in der Zeitung veröffentlicht wurde, einen Hinweis auf das Verschwinden seiner Schwester.
Als er beim Ausräumen des Zimmers das Kopfkissen in einen alten, muffigen Karton verstaute,
die Bettdecke ebenso, fiel ihm auf, das die Matraze
auf der seine Schwester schlief eine nicht übersehbare Unebenheit aufwieß. Darunter befand sich ein beachtlicher Stapel
Liebesbriefe mit einem Absender, der ihm gar nicht so fremd erschien, wie man eigentlich annehmen könnte,
denn es waren alles Briefe aus dem fernen Orient. Er erkannte schon an der Schreibweise, dass es sich hierbei um
seinen alten Studienfreund Achmet handelte.
Nun war es offensichtlich. Penelope, die ein kleines Appatement im Herzen von Paris bewohnte,
schien eine Liaison mit seinem alten Schulfreund zu haben. Das war ihr ganz eigenes Geheimnis was bis jetzt
niemals seine Flügel aufgespannt hat um in das Leben hinaus zu fliegen. Sie hatte ihm nie etwas erzählt und das verletzte
ihn zusehens, dennoch konnte er es sehr gut nachvollziehen, schließlich wäre es keine angenehme Situation wenn die
Eltern und somit natürlich auch die feine Gesellschaft etwas davon erfuhren.
Spätestens jetzt, könnte Ihnen bewußt sein, wer hinter dem Synonym von Dr. Felix Möbius steckt.
Nun ganz richtig ist das nicht, denn der oben genannten Droktor existierte wirklich, allerdings lebte er
in Berlin und war der Professor an der medizinischen Universität Berlin.
René studierte einige Jahre an der Selben und der Professor war sein Mentor.
Er bat ihn ein Schreiben aufzusetzen, in dem es hieß, das er sich als Arzt anbietet um die nicht seltene Tuberkulose
in diesem Land, unter Kontrolle zu bringen. Der Plan ging auf, besser als jeder Hefeteig und seine Vorstellungen
es zuließen und nun befand sich René La Croix, getarnt als Dr. Felix Möbius im Orient, auf der Suche nach seiner Schwester,
mit der festen Sicherheit im Kopf, dass sie hier mit ihrer Liebe ein neues Leben beginnen will.
Er tat alles, um den Schein des Professors zu wahren. Es fiel ihm zunehmend auf, dass er die Eigenarten und
Äußerungen des Professors annahm.
Ohne es auch nur zu ahnen, war die Frau, die er vom ersten Augenblick an zu begehren schien, eine neu gewonnene Freundin
seiner Schwester, die ursprünglich aus Provance stammte. Auf dem kleinen, vergilbten Fetzen eines ungewöhnlich starken Papiers,
stand die Adresse, die ihn geradewegs zu Penelope führte. Er trat eine weite Reise an und nach ungefähr drei Tagen erreichte er eine
Metropole, die selbst Paris in den Schatten zu stellen schien. In einem Hinterhof traf er auf den Blick. Dieser war es, der erneut
seine ganze Aufmerksamkeit hatte. Sie hieß Marie und führte ihn zu seiner Schwester.

In einem Zeitunsartikel vom 27.08.1910 erschien eine Anzeige über das tragisch, mysteriöse Verschwinden von René La Croix.
In dem hieß es: Aufgrund mangelnder Beweislage, mussten auch die Ermittlungen über das Verschwinden René La Croixs
eingestellt werden.

Der Professor erhielt als Einziger einen Brif, indem stand:
Sehr geehrter Herr Professor Dr. Felix Möbius,
machen Sie sich keine Sorgen. Ich existiere nicht mehr.
Bitte zu niemandem ein Wort!
Hochachtungsvoll und mit besten Wünschen
Ihr Professor Dr. Felix Möbius.

Der geheimnisvolle Zettel

Felix wurde nervös und ersehnte sich schon eine freie Minute, um den geheimnisvollen Zettel zu lesen. Die Zeit jedoch kroch nur so vor sich hin, jedenfalls kam es ihm so vor.

Endlich saß er nun alleine in seinem Zimmer und konnte den Zettel lesen, auf welchem stand:"Treffen bei Sonnenuntergang am kleinen Fluss". Wo zum Teufel war nur dieser "kleine Fluss"?
Felix ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und überlegte fieberhaft.

Plötzlich klopfte es an seine Zimmertür und der Arzt schreckte hoch. "Herein", rief Felix noch etwas verwirrt. Die Tür öffnete sich und vor ihm stand ein dicker Eunuch. "Was gibt es? Kann ich ihnen behilflich sein?", fragte Felix. Von Seiten des Dicken kam nun:"Ich soll ihnen vom ewigen Herrscher ausrichten, sie sollen heute Abend doch bitte mit ihm Speisen, es wäre für ihn eine große Freude!" Felix war unschlüssig. Er fragte:" Wann ist denn das Abendessen?" "Etwa um 20.00 Uhr." "Ich werde kommen! Danke für die Einladung", sagte Felix.
Der Dicke gab zurück:" Ich werde sie dann abholen." In Ordnung",
meinte Felix.
"Ach ja, ich habe noch eine Frage." "Womit kann ich ihnen dienen?", fragte der dicke Eunuch. "Wissen sie wo ich den kleinen Fluss finde?" "Ach, der kleine Fluss ist einfach zu finden, sie müssen nur in Richtung des Berges dort hinten gehen, dann kommen sie zwangsläufing an dem kleinen Fluss vorbei!" Während er das sagte, deute er aus dem Fenster auf einen Berg.
Felix bedankte sich und der Eunuch ging ohne jegliche weitere Frage mit einem Abschiedsgruß aus dem Raum.

Als der Dicke wieder verschwunden war, dachte der Arzt auf einmal:" Hoffentlich ist zur Zeit des Abendessens noch kein Sonnenuntergang."

Es ging rasend schnell auf die 20.00 Uhr zu und ehe Felix Möbius sich versah, begann die Sonne hinter dem Berg zu verschwinden. Felix packte seinen Arztkoffer und machte sich auf den Weg zum Fluss. Das Abendessen stellte er erst mal hinten an.

Nach einem nicht allzulangen Weg stand der Arzt nun am Fluss und wurde von einem rascheln in einem naheliegenden Gebüsch aus den Gedanken gerissen.
Sein Blick wandte sich dem Gebüsch zu. Er wurde von zwei wunderschönen Augen angesehen. Sofort erkannte Felix diese Augen, es waren die Augen jener Frau aus dem Harem, die ihm den Zettel zugesteckt hatte.
Sie flüsterte (natürlich wieder auf Französisch):" Seien sie leise, und folgen sie mir unaufällig."
Der Arzt stellte keine Fragen, sondern folgte nur dem schönen Klang der Frauenstimme.

Sie führte ihn in Richtung des Berges und fing wieder an zu flüstern:" Meine Feundin ist die Tochter des Sultans, doch dieser hat sie verstoßen, weil sie nicht den von ihrem Vater ausgesuchten Mann heiraten wollte. Eigentlich sollte sie getötet werden, doch sie konnte sich befreien
und flüchten.
Jetzt lebt sie in einer Höhle auf diesem Berg. Dort ist es jedoch sehr kalt und da meine Feundich Gülcan sehr schwach ist, ist sie sehr anfällig für Krankheiten und nun hat sie sich
wohl einen Virus eingefangen."
Die beiden standen nun vor der beschriebenen Höhle und Felix fragte unsicher:"Wie heißen sie eigentlich? Ich bin übrigens Felix" "Entschuldigung ich habe mich ja gar nicht vorgestellt, ich bin Soukaina" Sie betraten nun die gut versteckte Höhle (sie befand sich
hinter einer riesigen Hecke).
Soukaina rief nun etwas lauter wie sie eben geredet hatten:"Gülcan, ich bringe dir die ersehnte Hilfe!"
Es kam keine Antwort zurück. "Komisch, sonst antwortet sie mir immer sofort." Felix und Soukaina gingen
weiter in das Versteck hinein.
Eine in mehre Decken eingehüllte Frau lag im Kerzenschein in einer Ecke am Boden.  Es musste Soukainas Freundin sein. Soukaina sprach Gülcan ein weiteres Mal an und kniete sich zu ihr auf den Boden. Auch Felix kam näher. Immer noch keine Reaktion von der Freundin.
Soukaina strich ihrer Freundin über die Wange und stieß im nächsten Moment einen markerschütternden Schrei aus.
"Was ist los?", fragte Felix die verstörte Frau und kniete sich ebenfalls nieder. "Sie… sie… ist tod!",stotterte Soukaina. Felix wollte dies nicht recht glauben und fühlte nach Gülcans Puls. Die
wunderschöne Frau hatte
Recht gehabt, ihre Freundin war gestorben.
Felix setzte seinen typischen Ärzteblick auf und sagte:" Ja, du hattest recht, sie ist verstorben. Mach dir aber keine Gedanken, das Leben geht weiter egal was auch passieren mag!" Die wunderschönen Augen der Frau neben ihm glitzerten nun von den Trännen, die ihr die Wangen hinunter liefen.
Auch Felix wurde traurig, obwohl er die Frau gar nicht gekannt hatte. Er nahm schützend die schluchzende Soukaina in den Arm, und flüsterte ihr tröstende Worte zu.

Die beiden saßen stundenlang so da, bis sie über ihre Trauer Arm in Arm einschliefen.

Das Abendessen mit dem Sultan war hierdurch jedoch vollkommen in Vergessenheit geraten.
Aber das wäre Felix sowieso egal gewesen, da für ihn das Leben eines Menschen viel wichtiger war.

Die Ankunft

…Nachdem er einen Blick auf das Stückchen Papier geworfen hatte, war ihm klar, es musste etwas geschehen. Genauso klar war ihm jedoch auch, dass er vorsichtig sein musste. Hier, allein in der Fremde, in der er sich nach kaum einem Tag Aufenthalt vor die Wahl gestellt fand, ob nun die Angst vor dem Sultan und den Palastwachen oder die Neugier auf die geheimnisvolle Hilfesuchende größer war. Tatsache war: eine Frau war in Gefahr. Tatsache war auch: er musste helfen, auch wenn er noch so sehr darum fürchten mußte, seinen Kopf nicht nur sprichwörtlich zu verlieren.

Ein kleiner ungenutzer Speisesaal, der sich in einem Nebengebäude des Palastes hinter der Palastküche befand und nur über einen schmalen, unbewachten Gang zu erreichen war, sollte der Treffpunkt sein, an dem er die geheimnisvolle Schönheit endlich sehen und mehr erfahren sollte. Vorsichtig tastete er sich im Halbschatten an der kühlen Wand entlang, um unbemerkt in den kleinen Saal zu gelangen. Er sah, dass die große schwere Türe einen kleine Spalt geöffnet war und spähte angestrengt in die Dunkelheit. Fast erschrak er zu Tode, als ihn eine kleinere Hand sanft, aber bestimmt berührte und er in den Raum gezogen wurde. Die ihm bekannte wunderbare Frauenstimme sprach wiederum auf französisch zu ihm: er solle leise und vorsichtig sein, sollten sie zusammen entdeckt werden, könne er sich die Grausamkeit der sie beide erwartenden Strafe nicht ausmalen. Er versuchte zu schlucken und nickte sinnloserweise in das Dunkel, sein Hals war zu trocken um ein Wort zu Sprechen. Die kleine Hand zog ihn immer weiter hinein in den finsteren Saal, bis sie ihn nach einigen Schritten loslies und scheinbar verschwunden war. Zu Felix’ Entsetzen wurden just in dem Moment in drei Himmelsrichtungen die Vorhänge geöffnet, das Licht der Dämmerung erfaßte augenblicklich den Raum und - Felix fand sich umzingelt von Palastwachen wieder, die unbekannte Schöne bereits ergriffen hatten und Anstalten machten, auch ihn zu packen und dabei fragend in Richtung ihres Gebieters blickten, der langsam und mit finsterer Miene auf Felix zukam.

Der Sultan begann mit finsterem Blick zu sprechen, aber in dem Moment als er zum ersten Satz anhob, brach er unvermittelt in schallendes Gelächter aus, in welches nach kurzer Pause der ganze Hofstaat einstimmte. Er legte die eine Hand auf die Schulter des zitternden Häuflein Elends, das einmal der junge Arzt Felix gewesen war und sagte:  "Ihr aus dem Westen glaubt doch tatsächlich immer noch, wir Osmanen wären ungehobelte und grausame Barbaren…" er schmunzelte, hielt inne und fuhr mit etwas ernsterer Miene fort "…wir im Palast befinden uns in der Tat in einer prekären Situation und wir sind sehr dankbar für Ihre Hilfe, mein junger Freund. Und ich wäre nicht der Padischah, wenn ich nicht wüßte, was Gastfreundschaft bedeutet." Mit diesen Worten übergab er dem verdutzen Arzt eine aus schönstem und geschmeidigstem Leder gefertigte Instrumententasche und nickte zufrieden. Felix kam langsam zur Besinnung, aber starrte noch  einige Sekunden ungläubig in die  ihn umgebenden  freundlichen Gesichter.  Stotternd wandte er sich mehr an sich selbst als  an die Anwesenden und  fragte:  "Aber  die  Botschaft, die kranke Frau? Was ist mit ihr?… Warum…?"  "Das alles war nur ein Vorwand, um Ihnen diese kleine Lektion zu erteilen. Mein Botschafter - und übrigens bester Freund und Vertrauter - berichtete nach Ihrer Ankunft, Sie wärensehr wohl ein ehrenhafter und gerechter Mann - aber leider auch mit viel zu vielen Vorurteilen dem Orient gegenüber beladen - sowohl was die Machtausübung meinesgleichen, als auch diejenige unsere Frauen betrifft - welcher…" so fügte er mit einem schelmischen Lächeln hinzu "…sich auszusetzen in der Tat einigen Mut erfordert." "…und was aber ist mit der Pistole, die griffbereit neben Eurem Thron lag?" "Mein junger deutscher Freund, auch ich muss mit der Zeit gehen in Modedingen. Die Pistole, oder nennen wir sie lieber Feuerzeug, ist ein Geschenk meines Neffen Hasan - er studiert in Paris und hat es mir von dort aus zukommen lassen. Ein guter Junge, der weiß, was seinem Onkel Freude bereitet. Seine Schwester übrigens…" ,und mit diesen Worten winkte er die junge geheimnisvolle Schönheit zu sich, "…meine Nichte Hülya, hat ebenfalls in Paris studiert und hat mir gerne bei meinem kleinen Streich geholfen, nicht wahr Hülya?" Das Mädchen sah verlegen zu Boden als es zu den beiden Männer hinüberging und nahm die Hand ihres Onkels, der sie jedoch ohne zu zögern mit den Worten "..nicht so schüchtern, kleine Prinzessin…"  in die Hand des nicht wenig erstaunten Felix legte.

Beim Barte des Propheten

Der Zauber des Orients hat ihn in der Tiefe seiner Seele erfaßt. "Aisha", ein Echo aus der Vergangenheit, ein Ruf aus der Zukunft. Dieser Blick!! All sein Sehnen, seine Sehnsucht vibrierte in seinem Herzen.  Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft  trafen sich in  einem einzigen Moment. Dieser Blick  sprach zu ihm aus einer anderen Zeit. "Aisha",  die Süße  des  Verbotenen lockte mit  der Versuchung. "Aisha"….. "Aisha"….. Alles um ihn herum verlor sich in diesem Blick. Voller Sehnsucht, mit vibrierendem Herzen blickte er auf den Zettel in seiner Hand:

"Wir treffen uns beim Bart’e des  Propheten, Sonneruntergang"….. "Aisha"…..

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